Abreisetag, das ist es, was mir beim Aufwachen durch den Kopf rast und mich sofort munter werden lässt, da es auf halb neun zu geht. Das Haus duftet nach Kaffee und Toast, ich höre P und B im Flur sprechen - nichts wie raus aus den Federn und rein in die Jeans.
Der Frühstückstisch ist fertig und wartet nur darauf, dass ich mich dazusetze: alle anderen haben ihre Plätze bereits eingenommen... übrigens innerhalb der vergangenen drei Wochen immer gleich belegt.
Unter meiner Sitzauflage lauert das Furzkissen auf mich - diesen Spaß erlaubt L sich, seit P selbiges gestern von einem Kursteilnehmer geschenkt bekam. Es bringt ihn jedes Mal zum Wiehern vor Lachen, wenn es ihm gelingt, einen von uns mit der Anwendung zu beglücken. Dummerweise rechnet man nicht dauernd damit, und so ist er ziemlich erfolgreich.
Beim Essen besprechen wir die zeitliche Planung des Tages. Der Flug geht um 21.30 Uhr, das gibt uns die Möglichkeit, alles, was noch so anliegt, in relativer Ruhe zu erledigen. L verdrückt sensationelle 5 hartgekochte Eier, dazu eine ganze rohe Paprika-Schote. Uli raunt mir zu: "Na, das gibt Blähungen !".
Unsere Koffer hatten Uli und ich ja bereits gepackt, daher bleiben uns nur noch Kleinigkeiten, die in der großen Reisetasche, Uli's Trolley und unseren Rucksäcken zu verstauen sind. Ganz entspannt räumen wir die Sachen auf Häufchen zusammen und gruppieren diese auf dem Bett um die zu füllenden Gepäckstücke. Ich liebe es, wie gut mein Schatz und ich zusammenarbeiten können ! Keinerlei Unfrieden, kein Genervtsein, kein zickiges "Warum mach Du das denn so ?!".
Einfach nur harmonisch und wunderbar systematisch gehen wir gemeinsam vor und sind somit bald fertig. Zwischendurch hören wir L und P streiten... Reibung ist im Spiel, denn L möchte lieber herumliegen als mithelfen. Vielleicht ist er nicht froh darüber, dass die gemeinsame Zeit nun spürbar zu Ende geht. Denkbar wär's ja.
Gegen Mittag steht alles fertig da, der Müll ist sortiert und beseitigt, die Betten abgezogen, Bettwäsche und Handtücher im Keller auf der Waschmaschine deponiert. Putzmann Mike hat bereits Geld für die Endreinigung von P erhalten, das Waschen unserer Wäsche ist im Preis mit inbegriffen.
Uli hat Lust auf eiskalte Cola, und ich möchte für den Rückflug ein Subway-Sandwich mitnehmen, da es wieder kein Catering an Bord geben wird. Also besteigen wir das Auto und fahren ein bisschen kreuz und quer durch Pawtucket und Providence - zum letzten Mal, wie wir schweren Herzens feststellen. Nach einer Weile finden wir auch endlich eine Subway-Filiale. Es ist schon seltsam: ständig entdeckt man nebenbei welche, aber wenn man gezielt danach sucht, taucht keine auf.
Wir erstehen zwei Subs, denn Uli hat auch Lust darauf, später eins zu verzehren. Gegen halb zwei erreichen wir die Doyle Ave, weil P für zwei Uhr das Mittagessen angekündigt hat. Er und L sind auch mitten in den Vorbereitungen, zu denen wir uns gleich dazugesellen. Es gibt Nudeln mit Broccoli und Pesto sowie einen Salat mit Mais und Thunfisch. Allen schmeckt die letzte gemeinsame Mahlzeit an diesem Tisch sehr gut. Danach räumen Uli und ich die Küche auf, während P und L sich um ihr restliches Gepäck kümmern und B Sandwiches für die Reise belegt.
Um viertel vor vier sind die letzten Handgriffe erledigt, alle Fenster geschlossen, sämtliche Elektrogeräte ausgeschaltet - ein prüfender Rundumblick: alles OK, wir können abschließen. Als der Schlüssel durch Susan's Briefschlitz geplumpst ist, quetschen wir die vielen Koffer und Taschen in unser (nun recht beengt wirkendes) Auto. Plötzlich Uli's nervöse Frage: "Wo ist eigentlich mein Rucksack ?!" Ich zucke kurz und heftig zusammen; zuletzt sah ich ihn auf einem der Stühle im Wohnzimmer ! Und der Schlüssel liegt nun unerreichbar in Susan's Wohnung. Uli stürzt auf die Veranda... dann der erleichternde Ausruf "Hier steht er ja !" Uff. Das ist gerade noch mal gut gegangen.
Unser treues Gefährt ist prall gefüllt, B manövriert uns vorsichtig aus der Ausfahrt, und wir setzen uns in Bewegung Richtung Highway. Bye bye Doyle Ave, Du warst uns ein echtes Zuhause.
"Habt Ihr alle Eure Reisepässe ?" so lautet Ps fröhliche Frage. "Jaaa !" antworten wir ebenso fröhlich im Chor. "Und habt Ihr auch alle Eure Flugtickets ?" fragt P, wieder sehr fröhlich. "Na klar !" ertönt es um mich herum - nur ich kann nicht antworten, weil ich kein Ticket habe. P macht hier einen Scherz, denke ich und sage das auch. Da wird es mit einem Mal ganz still und ernst im Auto. "Wie, Du hast Dein Ticket nicht, das habe ich Euch doch beim Hinflug gegeben." sagt P, gar nicht mehr fröhlich. Mir wird elend, denn ich weiß, was ich mit meinen Unterlagen vom Hinflug getan habe: sie landeten im Altpapier, weil ich dachte, ich bräuchte sie nicht mehr - vor über 2 Wochen ! B legt eine Vollbremsung hin und starrt mich entgeistert an. Jetzt möchte ich weinen und mich gleichzeitig übergeben. Hundeelend fühle ich mich. Zurückfahren nützt nichts, denn das Altpapier wurde abgeholt - auch vor über 2 Wochen. "Wird vielleicht nicht so schlimm sein," sagt P (zum Glück ganz ruhig, während ich am ganzen Leib zittere) "ich habe alle Tickets auf meinem Computer gespeichert, notfalls drucken wir es nochmals aus." Langsam kann ich weiter atmen und mich etwas beruhigen. Stimmt, wir haben ja inzwischen das Zeitalter der elektronischen Datenverarbeitung erreicht, niemand ist mehr von nur einer einzigen Version eines Tickets abhängig. Trotzdem sitzt mir der Schreck in den Gliedern, und ich schwitze noch eine Weile ängstlich vor mich hin.
Wir kommen zügig voran, zumindest bis Boston. Dort geraten wir mitten in die Rush Hour und brauchen für wenige Meilen fast eine Stunde. Gut, dass wir früh genug losgefahren sind, so können wir gelassen bleiben, bis wir endlich die Autovermietung erreicht haben, unser Gepäck ausladen und dem netten Fahrzeug Adieu sagen, welches uns so zuverlässig und angenehm bequem zur Verfügung stand. Nun heißt es schleppen ! Der Tragegurt der Reisetasche schneidet sich in meine Schulter, Uli kämpft mit den beiden schweren Koffern, es ist heiß und drückend... puh... und wie angenehm, dass das Shuttle zum Flughafen nicht weit entfernt auf uns wartet. Eine kurze, klimatisierte Fahrt später steigen wir direkt vor der Flughafen-Tür aus, die zum Iceland Air-Schalter führt. Wir kommen auch direkt dran: der spannende Moment ist gekommen, wird man mein Ticket sehen wollen ? Nix da, die Reisepässe reichen völlig aus. Wie wunderbar ! Wir sind unsere schweren Gepäckstücke los, auch sehr schön. Nun möchte ich gerne einen Cappuccino. Und tatsächlich gibt es einen Dunkin Donuts im Flughafen, das finde ich geradezu genial. Dort zieht es uns jetzt unaufhaltsam hin, Uli ersteht zwei mittlere Becher Cappuccino, P und B möchten nichts. B eilt es ein bisschen, denn sie will unbedingt noch die letzten Postkarten schreiben und versenden, bevor wir die Security durchschreiten.
Also installieren wir uns in eine Sitzgruppe. Uli stellt seinen Becher auf einem der Sitze ab - und flatsch, kippt der Becher schwungvoll um. Ein halber Liter Cappuccino, reich gezuckert, fließt auf die Sitzbank und kleckert auf den Boden. Zum Glück hat B eine volle Box Kleenex dabei, damit können wir das Malheuer soweit beheben. Ich biete Uli an, ein neues Getränk zu besorgen, aber er winkt ab. "Egal, dann eben nicht." lautet seine pragmatische Antwort.
B schreibt Postkarten, und ich verfasse eine eMail an Julian, da man hier eine Zeit lang freies WLAN nutzen kann.
Es wird Zeit, durch die Security zu gehen. The same procedure as every time: alle Dinge aus den Hosentaschen nehmen, Handgepäck in Boxen legen, Elektrogeräte extra, Schuhe aus und nach Aufforderung in den Bodyscan. Hände hoch, 3 Sekunden still stehen, dann heraustreten und sich gegebenenfalls abtasten lassen; mich klopft eine Frau seitlich unter den Armen und zwischen den Brüsten ab. Nun ja, man kann überall Sachen versteckt haben... Uli's Schuhe werden wieder extra durchleuchtet. Als wir alle durch sind, schlägt P vor, nun zu Abend zu essen. Vor den Gates gibt es einen großzügigen Bereich, wo Tische stehen. Wir finden einen Platz für uns fünf und packen unser Essen aus. L murrt über die liebevoll belegten Sandwiches seiner Mutter, er hätte lieber unsere - vom Transport völlig durchgeweichten - Subs. Auch der Hinweis, dass sie voller Salat sind, den L ja gar nicht mag, besänftigt seine Gier nicht. Ich bin nicht zum Teilen bereit, er muss dies nun leider aushalten. Gnatzig kaut L auf seinem Brot und sieht sehr unzufrieden aus.
Bald ist boarding time. Schnell noch etwas frisch machen und kurz die Toilette besuchen, dann geht es zügig in den Bauch der Boing 757, die uns in 4 1/2 Stunden Flugzeit nach Keflavik bringen soll. Zwischen Uli und mir bleibt ein Platz frei, und wir frohlocken schon, aber im letzten Moment erscheint ein Mann, der diesen Platz einnehmen möchte. Dreck ! Ich rutsche genervt auf den Mittelplatz, der Mann breitet sich auf dem Platz neben mir aus. Er macht sich sogar ziemlich breit ! Das kann ich nicht gut ab. Mein ganzer Körper wird steif. Uli bemerkt meinen Zustand und bietet mir an, Plätze mit ihm zu tauschen. Das möchte ich nicht so gerne, denn Uli hatte sich darauf gefreut, aus dem Fenster zu schauen und Sternschnuppen zu suchen, die es in dieser Nacht zuhauf geben soll... Meine Laune sinkt bedrohlich Richtung Keller. Das lässt mein sensibler Mann nicht zu. Unmittelbar nach dem Start und dem Erlöschen des Anschnall-Zeichens nötigt er mich, den Fensterplatz einzunehmen, während er sich auf den Mittelplatz setzt. Er ist so lieb ! Sofort geht es mir besser, ich kann aufatmen und mich entspannen.
Allerdings nicht lange... ein unangenehmer Geruch steigt mir in die Nase. Es riecht nicht gut, gar nicht gut - es riecht nach fiesem Furz ! Bah. Dieses Phänomen wiederholt sich nun turnusmäßig ca. alle 10 Minuten, und zwar mit jedem Mal scheinbar stärker. Uli's Worte vom Frühstück fallen mir wieder ein. Aber L sitzt doch zwei Reihen vor uns, es kann doch nicht sein, dass seine Darmwinde sich so intensiv ausbreiten. Ich halte mir die Nase zu und versuche, mich auf die beiden isländischen Filme zu konzentrieren, die ich aus dem Bordprogramm ausgesucht habe. Tolle Filme, sehr intensiv, aber auch reichlich trist. Passen zu der kargen Insel.
Mein Schatz schläft neben mir ein, ich staune in den Nachthimmel, deutlich sehe ich den großen Wagen, und meine Bitte um ein positives Zeichen für Tom wird unmittelbar mit einer prächtigen Sternschnuppe beantwortet, die quer durch den großen Wagen rauscht. Mit schießen die Tränen in die Augen vor Glück. Die nächste Bitte ist für Uli und mich - wieder kommt die Bestätigung aus dem Universum in Form eines leuchtend hellen Meteors. Das Flugzeug gleitet ruhig durch die extrem kurze Nacht: schon bald sehe ich einen hellen Streifen am Horizont, der schnell rötlich wird. Wir fliegen ja mit der Zeit, also vergeht sie auch spürbar schneller. Nur gestört von dem dauernden Furz-Geruch erlebe ich einen der angenehmsten (weil turbulenzfreiesten) Flüge überhaupt.
Island taucht gegen kurz vor sieben auf. Es regnet und ist ziemlich frisch. Super, dass ich in Sandalen und natürlich auch ohne Socken unterwegs bin
Im Flughafen ist es zum Glück nicht besonders kalt, so halte ich den Temperaturunterschied ganz gut aus. Im Food Court entdecken wir einen Stand mit Cappuccino, der uns lockt und erfreut. Auch auf diesem Flughafen ist das WLAN frei, und ich kann ein bisschen surfen, während wir auf's Boarding warten. Dann geht es los, wieder landen Uli und ich auf Fenster- und Gangplatz, und wieder erscheint ein Mann, der zwischen uns sitzen soll. Uli rutscht freiwillig auf den Mittelplatz. Ich bin ihm sehr dankbar.
Das Bordprogramm gewährt Ablenkung, ich schaue "PS: Ich liebe Dich", eine wunderbar-romantische Story über eine tragische Liebe. Auch dieser Flug könnte sehr ruhig und angenehm verlaufen, wäre da nicht dieser unablässige Gestank, der uns die Tränen in die Augen treibt. B dreht sich irgendwann zu mir um und fragt: "Guckst Du so einen traurigen Film ?" - da platzt es aus mir heraus, und ich teile ihr unverblümt mit, dass L's Gefurze mich an den Rand der Verzweiflung treibt. Ihre Entgegnung ist entsetzt, denn sie war der Meinung, der Geruch würde nur sie betreffen. Leider nein, kann ich ihr versichern. Vielleicht waren 5 Eier und rohe Paprika plus Süßstoff-gesüßter Kaugummi (-> Nebenwirkung: Blähungen) keine so gute Idee vor einem Flug. Womöglich wäre es auch eine gute Idee, wenn L den Gangplatz einnähme und zum Luftlassen auf die Toilette ginge ? Aus irgendeinem Grund fällt keinem von uns diese einfache Lösung ein.
Aber auch diese Zeit vergeht, wir sind schon über Dänemark, und der Pilot setzt zum langsamen Sinkflug an. Ein bisschen Angst habe ich, dass meine Ohren wieder so schmerzen könnten, wie auf dem Hinflug. Zum Glück passiert das nicht, so kann ich fasziniert zuschauen, wie die Landschaft unter uns immer größer wird, während Uli neben mir seelenruhig schläft.
Hamburg taucht auf, und schon kurze Zeit später rumpeln wir sicher über die Landebahn. Pünktlich und heil gelandet - das wäre geschafft ! Ein paarmal gähnen, und meine Ohren sind frei, herrlich.
Wir verlassen das Flugzeug und begeben uns zum Gepäckband, wo wir eine ganze Weile warten müssen, bis sich etwas tut. L stellt sich neben mich - und plötzlich steigt mir wieder der altbekannte Geruch in die Nase. Ich kann nicht mehr und pflaume ihn an, er möge bitte woanders furzen, aber nicht direkt neben mir. Betreten schaut er weg - und mir tut mein Grobsein sofort ein bisschen Leid.
Schließlich tauchen unsere Sachen auf, vollständig und bis auf P's schönen weißen Hartschalenkoffer, der leider einen Riss abbekommen hat, unversehrt. Mir graut es davor, gleich mit dem schweren Gepäck Bahn fahren zu müssen - da steht plötzlich Diedrich vor uns und fragt, ob wir einen Lift nach Bad Schwartau möchten ! Wie genial ist das denn ?!? Natürlich wollen wir, hochgradig dankbar. "Rechne immer mit einem Diedrich" hat sich mal wieder bewahrheitet. :)
Abschied von Familie L., wir drücken einander fest und herzlich - Danke für diese wundervollen Wochen, Ihr Lieben. Dann rauschen die drei davon, während wir zum Auto wanken, das bleischwere Gepäck einladen und dankbar Platz nehmen. Auf der Heimfahrt gibt es viel zu berichten... denn schließlich hat Diedrich dieses blog nicht gelesen ! ;)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen