Catania at it's best

Catania at it's best
la bella città nera

Mittwoch, 30. April 2025

un giorno come un altro * diciassettesimo giorno

Erst nach 10 Uhr schaffe ich es aus dem Bett und fühle mich leicht gebeutelt, da sich an meiner Unterlippe eine Pestbeule gebildet hat, rot und brennend und gar nicht angenehm. Die wird gründlich ignoriert und lieber schnell in den Tag gestartet mit duolingo-Sprach-Lektionen. Dazu serviert Uli mir meine übliche Dosis an CDL-Wasser und Tee. Wie üblich lese ich meinen letzten blog-Eintrag und wie üblich finde ich auch sofort Fehler… obwohl ich mindestens viermal gegengelesen hatte… nun ja!

Heute wollen wir mal eine richtige Iris zum Frühstück, schließlich schwärmt Felix immer davon. Bisher hatte Uli es lediglich versucht, aber ohne wirklichen Erfolg. Die bekommt man überall, ist typisch für colazione in Catania gibt Felix uns noch mit auf den Weg. Gut, dann wird es ja kein Problem. Auf der Via Antonio di Sangiuliano Richtung Zentrum herrschen hochsommerliche Temperaturen, sodass wir lieber gleich in schattige Seitenstraßen streben wollen. Ein paar Cafés (Bars) steuern wir an und hören entweder Iris? Führen wir nicht! oder Iris? Leider keine mehr da! So entsteht doch ein kleines Problem, denn gleich ist es 12 Uhr und dann ja herrscht das beinharte Cappuccino-Gesetz! Eine freundliche Barbesitzerin deutet uns: da hinten gibt es welche. Tatsächlich werden wir fündig: noch genau eine Iris mit Schokofüllung wartet auf uns, e due Cappuccini, per piacere - grazie. Flüssig gehen die Worte inzwischen über unsere Lippen und fühlen sich vertraut und lieblich an.

Iris ist nicht mein Ding stelle ich fest; schmeckt wie Berliner, nur paniert. Aber die Füllung ist wirklich üppig, im Gegensatz zu jedem Berliner, den ich je aß! Leckerer Cappuccino, Uli einigermaßen gesättigt - nichts wie runter zum mercato, der Obstsalat ruft. Es ist wieder gestopft voll, eng an eng schieben die Menschen durch die Gassen und nicht ein einziges Mal berührt mich auch nur jemand! Uli wird tatsächlich geschubst und fragt lachend und jetzt rate mal, welche Sprache diese Frau sprach? Genau!

Mein fruttivendolo strahlt über’s ganze Gesicht und befüllt sofort den von mir zielsicher gewählten Becher mit Saft, dann wählt er einen zweiten, füllt diesen auch und reicht ihn Uli, während er erklärt, wie sehr er sich freut. Bezahlen darf ich nur meinen. A domanì? No! ruft er uns hinterher, morgen ist kein Markt, morgen hat alles zu - 1. Mai. Oho, das ist gut zu wissen und erklärt das Gedränge.

 
Auf verschlungenen schmalen Wegen, meist schattig, suchen wir uns Richtung Tabaccho-Chiosco durch und finden uns dabei ziemlich gut zurecht.

Allen Cicely-Fans dürfte das Herz höher schlagen bei diesem Anblick - da erwartet man doch förmlich, den hübsche Chris im Fenster sitzen zu sehen!

Im Tabakladen steht wieder Felix' Bekannte und wir wollen nicht nur Tabak und Briefmarken kaufen, sondern ich habe auch wieder den Auftrag, ihre eine Nachricht zu überbringen - und wieder erlebe ich mich stammelnd und nach Worten ringend! Aber sie ist so niedlich und lacht mich so fröhlich an, dass ich mich nicht schlecht fühlen muss, sondern mit ihr das Vergnügen teilen kann. (Die Buschtrommel trägt übrigens auch diese Begebenheit flugs zu Felix: als wir später zurückkehren, wurde er bereits über unseren Auftritt informiert…) Sie schenkt uns ein Feuerzeug mit Sicilia-Aufdruck - als Erinnerung. Zu schön!

Am Straßenrand finden wir die lustigsten Sachen, über die wir wirklich herzlich lachen und staunen -

zum Beispiel dieses praktische Fahrzeug:

oder dieses irre Gebäude:

oder diese hübsche Werbung:

Jetzt drängt es mich wirklich, mit den Postkarten fertig zu werden; die kommen sowieso erst lange nach uns in Deutschland an, aber ich trage sie seit über einer Woche mit mir herum und möchte sie endlich abschicken.
Eine schattige Bank in der Piazza dei Libri erscheint praktisch, ich breite meine Sachen um mich herum aus, Uli holt mir eine schöne Flasche Vera und ich schreibe drauflos. 

Knappe drei Karten schaffe ich, dann tut mein Nacken derartig weh, dass ich zusammenräume und vorschlage, das Ganze ins Artemisia zu verlagern, da können wir Cappuccino trinken und Kuchen essen und vor allem zum Schreiben an einem Tisch sitzen. Aber erst möchte Uli noch einen Arancinu, am liebsten einen mit Sepia. Es ist auch in den Nebenstraßen um die Piazza Duomo brechend voll. Vor den Lokalen sitzen jede Menge Gäste und es duftet überall höchst verführerisch. Als wir an einem Obststand vorbeikommen, spricht mich ein etwas älterer fruttivendolo an: oh, du schöne Frau, ich wünsche dir einen guten Tag. Das hört man ja gerne!

Bei Munnu gibt es keine Arancini mit Sepia. Dann zu Savia meint Uli. Aber auf dem Weg dorthin zieht uns dieses Lokal magisch an; wir sollen es nicht bereuen! Ein unglaublich netter junger Mann berät uns zu den Auslagen, wir wählen einen mit Garnelen und einen mit Schwertfisch. Beim Bezahlen hält der junge Mann inne, schaut mir in die Augen und lobt eindringlich mein Italienisch. Sono solo una principiante, ich bin nur eine Anfängerin, gebe ich zurück, aber er behauptet, mein Akzent sei perfekt italienisch - darüber freue ich mich natürlich sehr!

So wie es sich für Touristen gehört, suchen wir uns ein Plätzchen am Elefanten und verspeisen dort voller Genuss unser hervorragendes pranzo. Mann, sind die lecker! Dahin zieht es uns bestimmt bald wieder!!

Bei Artemisia werden wir wie immer sehr freundlich bedient und sitzen eine ganze Weile vor unseren schönen großen Tassen mit würzigem Cappuccino. Auch die Kuchen sind wieder fantastisch. Tatsächlich schaffe ich es, einige Postkarten fertig zu schreiben, bei ein paar anderen fehlt es an Adressdetails, die vervollständige ich dann eben nachher. Auf dem Weg zu decò findet sich auch gleich ein Postkasten und die Fracht ist auf die Reise gebracht, klasse.

In der Eingangstür vom decò sitzt ein Bettler, der mich besonders berührt: seine freundlichen Augen bitten, er fragt sehr höflich und reagiert ohne irgendeine negative Schwingung auf unsere Absage. Die paar Sachen, die wir brauchen, sind schnell gefunden; währenddessen suche ich eine Münze, die ich dem Mann gleich geben möchte. An der Kasse stehend kommt mir ein anderer Gedanke: wenn ein 5 €-Schein übrig bleibt, gebe ich ihm den. Genau das passiert und beim Verlassen des Ladens reiche ich ihm den Fünfer. Was da in seinem Gesicht passiert, rührt mich zu Tränen! Er zeigt mir so aufrichtig seine Überraschung und tiefste Dankbarkeit mit Herzensgesten und -worten, dass ich mich reich beschenkt fühle. Überaus beglückt schwebe ich davon und darf noch eine ganze Weile von dieser Freude zehren.

Zuhause kühlen wir uns erstmal etwas runter und kümmern uns um ein paar grundsätzliche Dinge wie Wäsche und sowas. Während der Nachmittag zum Abend wird, merke ich, dass meine Lippe zunehmend gereizt ist. Das trübt das Wohlbefinden erheblich. Uli behandelt die Stelle mit CDL, ich mit Rosensalbe - und dann hoffen wir beide, dass der Spuk bald vorbei ist…
Nach Ausgehen ist mir nicht, so trabt Felix alleine los und wir machen es uns auf dem divano gemütlich. Irgendwie tun die Knochen auch ein bisschen weh, vielleicht vom Vulkanausflug, daher schadet es gar nicht, den Abend mal mit Spielen, Lesen und Schreiben zu genießen und vielleicht sogar früh schlafen zu gehen.

Dienstag, 29. April 2025

balliamo sopra la bella donna Etna * sedicesimo giorno

Abrupt endet die unruhige Nacht, erneut befeuert durch wilde Träume… wir erleben einfach so Vieles, was im Schlaf noch mächtig nachhallt.
Da wir am Vorabend schlau waren und alles bereits gepackt ist, machte es gar nichts, dass wir etwas verpeilt in der Wohnung herumstolpern. Es ist eben so gar nicht die richtige Zeit, vor allem nicht im Urlaub! Aber: pünktlich um 8:15 Uhr stehen wir artig an der Piazza Stesicoro, wo wir eingesammelt und auch den vierten Exkursionsteilnehmer kennenlernen werden. Angekündigt ist ein Russe; unsere Phantasie blühte bereits in den schillerndsten Farben. Fahrer Gabriele ist schon da. Er steht vor seinem Kleinwagen und begrüßt uns freundlich - und ich denke nur: ohje, da sollen wir gleich zu fünft eine knappe Stunde drinhocken?!
Da die fünfte Person sich noch nicht zeigt, eilen wir kurz auf einen klitzekleinen Cappuccino in ein nahes Café; wer weiß, wann es wieder einen gibt? 

Kaum haben wir den ersten Schluck getrunken, da klingelt schon Felix’ Handy: die Fahrt kann losgehen, der vierte Teilnehmer ist soeben eingetroffen.
Nun sind wir wirklich gespannt: wie sieht er wohl aus?! Und da steht Dennis vor uns: ein schmächtiger blonder Jüngling, geschätztes Alter Anfang 20. Sein Italienisch ist beeindruckend, sein Englisch ist perfekt, er spricht auch ziemlich gut Deutsch und berichtet weiterhin, dass sein Chinesisch auch fließend ist, da er drei Jahre dort gelebt hat. Wow, ich staune. Beeindruckend! Ebenso beeindruckend wie die Fähigkeiten unseres Fahrers: Gabriele zirkelt uns sicher aus der Stadt heraus und gibt auf der Autobahn auch gerne etwas mehr Gas. Leider spricht er fast kein Englisch und ich verstehe ihn nicht besonders gut. Vielleicht ist das dieser catanische Slang, von dem Felix erzählte? Dennis allerdings plappert eifrig mit ihm, er scheint damit keine Probleme zu haben. Und als er dann auch noch erwähnt, dass er erst seit vier Monaten Italienisch lernt, möchte ich verschämt verstummen.

Dank der überaus sportlichen Fahrweise erreichen wir schon etwas früher als erwartet den Treffpunkt, wo unser Vulkan-Führer auf uns wartet: Gianfranco, ein bäriger Trapper-Typ, der zum Glück sowohl Italienisch als auch Englisch spricht, sodass wir nicht ständig Felix um Erklärungen bitten müssen. Einige Höhenmeter haben wir bereits überwunden, die Temperatur ist angenehm (zumindest im Windschatten), aber da wir dem Frieden nicht recht trauen, haben wir vorsorglich Jacken und Schals dabei.

Jetzt dürfen wir uns in dem geräumigen Allrad-Van verteilen und zu meiner Überraschung steigt Gabriele auch mit ein. Schon geht es los in den Parco dell’Etna, den seit 1987 existierenden Schutzgürtel rund um la bella donna Etna, fürsorglich eingerichtet, um die einzigartige Flora und Fauna vor menschlicher Willkür zu schützen.
Die Umgebung wird schnell skurril-einzigartig - nur leider liegt derartig viel unverschämter Müll am Straßenrand, dass ich nur noch mit dem Kopf schütteln kann! Fahren die Menschen extra hierher, um ihren Dreck abzuladen? Ja, bestätigt unser Guide, so sind sie, diese Menschen - hier, bei uns und ebenso in Russland, wie Dennis erklärt. 

Wir halten an einem weiten Feld voller schwarzer Mini-Brocken aus porösem Gestein und Gianfranco erklärt, dass es sich hierbei um Aschehagel handelt, der nach Ausbrüchen niedergeht. Beim Herumlaufen knirscht und staubt es heftig und meine schwarzen Sachen sind sofort grau bepudert. 

der lustige Dennis

Unser nächster Halt ist eine Skistation, an der sich mehrere Buden mit Touri-Krempel, Kaffee, Gebäck und Mietjacken finden - scheinbar kann man damit problemlos Geld verdienen, denn es ist hier oben ungemütlich kalt. Meine Jacke muss ich sorgfältig schließen und das Halstuch darüber gründlich festziehen. Die Schneefelder des Ätna sind bestens zu begutachten; wir gönnen uns noch einen Cappuccino und obendrein finde ich ein paar schöne Postkarten, ein Mitbringsel für mein Enkelkind und vor allem ein bagno, denn ich vermute, dass es im weiteren Verlauf des Ausflugs davon nicht mehr so viele geben wird (was sich als vollkommen korrekt herausstellen soll).

Der folgende Halt dauert eine ganze Weile länger, denn nun steigen wir voll ein in unser Ätna-Abenteuer und folgen dem eindrucksvollen Rundweg Monti Satorius, der uns erst durch von fiesen Raupen befallene Pinienwäldchen, dann zwischen gespenstisch weißen Birken hindurch und schließlich zu einem steilen Anstieg auf ein Plateau führt, von dem aus der Blick gigantisch ist und wo der frische Wind in voller Stärke wirken kann. 

Hier in 1700 m Höhe muss das Halstuch fix um den Kopf, obwohl mir vom Anstieg der Schweiß läuft. Was für eine Landschaft. Unglaublich! Wie auf dem Mond, meint der fröhliche Dennis, der wie ein verspieltes Kind um uns herumhüpft und alles genau erkundet. Diese jungen Hunde - überhaupt: wie alt er wohl ist?! Sein umfangreicher Lebenslauf im Bereich IT lässt ein höheres Alter vermuten, aber so sieht er wahrlich nicht aus. Ich beschließe, ihn nachher beim Essen mal direkt zu fragen.

Wir lauschen gebannt Gianfranco, der uns in seine Welt entführt. Schon seit frühester Jugend ist er vulkanbegeistert und das spürt man in seinen Erklärungen, die interessant, lehrreich und gleichzeitig unterhaltsam sind. Von Magma und Lava und Vulkanbomben ist die Rede; wir erfahren, dass Säugetiere hier nicht leben können, weil es kein fließendes Wasser für sie gibt. Alles, was vom Vulkan rinnt oder an Schnee schmilzt, wird direkt von dem saugfähigen Gestein aufgenommen wie von einem Schwamm.

Der imposante Weg endet an einer lauschigen Bank unter einem besonders schönen Birkenexemplar. Gianfranco holt schnell den Van für uns, den wir dankbar entern: das Gehen auf dem knirschenden, rutschigen Gestein ist ähnlich anstrengend wie in Strandsand. 

Alle sind so voll von andächtigem Staunen, dass erstmal eine ganze Weile Schweigen herrscht. Am Treffpunkt verlassen wir das warme Gefährt, nun soll es Mittagessen geben. Ein kanadisches Ehepaar stößt dazu, scheinbar wollen sie auch mit uns essen. Suchend schaue ich mich nach dem Gasthof um, entdecke aber nichts auch nur annähernd ähnliches. Gianfranco geht flott los und führt uns durch ein Gewirr von immer enger werdenden Trampelpfaden. Und hier soll ein Restaurant sein? Wahrscheinlich ein ganz besonders Lokal, ein Geheimtip der Einheimischen… Und wahrlich, genau das erwartet uns: ein freundlicher Bioweinbauer vor einem aus Paletten gebauten Picknicktisch und seinem Feld mit Weinstöcken. Dahinter präsentiert sich uns ein herrlicher Rundblick über das Meer und die Berge.
Und was da auf diesem Tisch steht, sieht hervorragend aus! Rustikal, ungewöhnlich, einzigartig. Dieses besondere Erlebnis rundet die spannende Wanderung ganz vortrefflich ab.

Wir naschen von den Köstlichkeiten, die aus würzigem Käse, herzhafter Salami, Linsen-, Fenchel-, Orangensalat, kleinen Bratlingen, Eiern, Brot und frischen Erbsen und Fababohnen besteht. Dazu gibt es eigenes Olivenöl und natürlich von dem organischen Wein in weiß und rot. Sogar ich muss ein Schlückchen nehmen, es passt einfach zu gut zur Gesamtatmosphäre.

Mit dem kanadischen Ehepaar unterhalte ich mich eine längere Zeit, sie sind auf einer Sizilien-Rundreise; die Frau hat heute Geburtstag.
Innerhalb weniger Augenblicke fallen plötzlich schwere Tropfen, sodass wir uns unter den einzigen Baum flüchten, der verfügbar ist. Gianfranco und Gabriele eilen davon, sie holen das Auto - bestens! So plötzlich, wie der Regen begann, endet er auch. Die kleine Gruppe zerstreut sich nach Laune (oder Bedürfnis) und so nutze ich die Chance, um schnell mal ein paar Züge zu rauchen. Hätte ich das nur besser gelassen!

Nicht der geländegängige Van kommt uns einsammeln, sondern der Kleinwagen. Okay, kein Problem, das ging auf dem Hinweg ja auch. Nur, dass wir da auf normalen Straßen unterwegs waren! Und die gibt es hier gerade überhaupt nicht. In die Halteschlaufe des Beifahrersitzes gekrallt schwitze ich Blut und Wasser, während Gabriele sein armes Auto über holperige und vor allem steile Wege quält, die schon zu Fuß höchst anspruchsvoll wären! Oh Hilfe! Ich kann nur stille Stoßgebete gen Himmel senden und als ich denke gleich kann ich nicht mehr! landen wir endlich wieder auf einer halbwegs asphaltierten Straße.
Jetzt fängt es an, heftig zu regnen, was allerdings nicht zu einer Reduzierung des Tempos führt. Nein, eher scheint es, als müsse irgendein Rekord gebrochen werden: Gabriele rast halsbrecherisch die Serpentinen hinunter und ich rechne jede Sekunde mit einer Kollision oder damit, einfach aus der nächsten Kurve zu fliegen! Wahnsinn!! Sollen wir wirklich hier unsere doch recht behaglichen Leben lassen? In einem italienischen Kleinwagen, auf Sizilien, im Sturzregen?? Mein Hirnzustand nach dem Pfeifchen erleichtert mir die Situation auch nicht wirklich - eher im Gegenteil!
Als die Autobahn erreicht ist, möchte ich kurz aufatmen, aber auch das ist mir nicht vergönnt, denn hier kann endlich mal richtig Gas gegeben werden und so überholen wir alle anderen Fahrzeuge mit sportlichen 130 km/h - wohlgemerkt in 80-Zonen - oder wahlweise 80 km/h in 40-Zonen. Mir stehen alle Haare zu Berge, während auf der Rücksitzbank entspanntes Schweigen herrscht: Dennis scrollt auf seinem Handy herum, Uli schläft, Felix schaut aus dem Seitenfenster - niemand außer mir scheint sich irgendwelche Sorgen zu machen!

Aber auch dieser Horror findet ein gutes Ende, wir fallen unbeschadet vor Felix’ Wohnung aus dem Fahrzeug, rufen noch ein herzliches (oder erleichtertes!) ciao hinterher und schon sind Gabriele, der (29-jährige) Dennis und das kleine weiße Auto um die nächste Ecke verschwunden.
Felix eilt sofort zu einem Termin und ich muss erstmal meinen nervösen Körper beruhigen, der schließlich nicht wusste, ob er diese Aktion überleben wird.
 

Cappuccino, ein paar Kekse, CDL-Wasser, die tollen Fotos sichten, schreiben - all das hilft mir aus dem Stress heraus und so komme ich langsam wieder zur Ruhe.
Uli erledigt ein paar LEO-Arbeiten, während die brave lavatrice meine staubigen Sneaker reinigt und ich mich an diesem Text festbeiße - was für ein Tag, was für ein Abenteuer! Dagegen wird der nervzerfetzende Terror-Ramsch nachher das reinste Zuckerschlecken. Aber vorher gibt es erst noch ein schönes Abendessen (Uli holt uns Pizza, Felix mag was von der Mamma gegenüber) und ich sortiere diesen Beitrag schonmal so zurecht, dass ich ihn nachher einfach nur noch hochladen muss.

Montag, 28. April 2025

il mio fruttivendolo parla di amore * quindicesimo giorno

Lange musste ich gestern noch lesen, um zur Ruhe zu kommen und dennoch treibt es mich schon um kurz vor neun aus dem letto - ich möchte zu gerne wissen, ob der angekündigte Regen womöglich schon da ist?! Schotten auf, vorsichtig blinzeln: nee, blauer Himmel, vielleicht ein bisschen diesig. Wie angenehm.

Uli reicht mir ein Glas mit CDL-Wasser (nach seinen unglaublichen Ergebnissen möchte ich es jetzt auch genauer wissen), dazu meinen Lieblingsbecher mit Tee. So fürsorglich!
Als erstes muss ich meine Italienisch-Lektionen absolvieren, durch die fröhlichen Ramsch-Runden kommen diese leider ein bisschen zu kurz. Ich tröste mich damit, dass ich momentan ja täglich live praktiziere und deshalb nicht ganz so viel Konserven-Lernen brauche.
Felix schläft etwas länger heute; ich senke meine Stimme bei den vielen Sprechübungen auf dem divano, so störe ich ihn hoffentlich nicht.

Für heute haben wir eine kleine Liste mit zu erledigenden Dingen, zum Beispiel fehlt uns ein Gefäß, in dem die nasse Wäsche transportiert werden kann, eine zweite Kuscheldecke (ich habe das rosa Prachtstück lieb gewonnen und möchte es mit nach Hause nehmen), bestellte Putzmittel für Anna, einen neuen Geschirrschwamm und selbstredend einen Obstsalat! Außerdem wächst in mir dieser Wunsch: sehr gerne hätte ich eine schöne kleine, am liebsten gebrauchte alte Trinacria als Anhänger. Der mercato bietet all das - da gehen wir nachher hin - aber vorerst muss der Cappuccino-, Brioche- und Granita-Appetit gestillt werden, natürlich bei Comis. Aus welchem Grund sollten wir woanders hingehen, vor allem nach der gestrigen Erfahrung?!

Es ist gewohnt perfekt, auch der Platz im Halbschatten passt, keiner duftet zu stark nach Chemie, der muffige Kellner ist nicht für uns zuständig, keine sich angiftenden Deutschen in Hörnähe, colazione schmeckt heute absolut traumhaft… und alles zusammen macht uns einfach nur glücklich -> un regalo perfetto.
Kurz taucht ein ungemütlicher Gedanke an das gestresste Miteinander in Deutschland auf - wie werden wir uns dort wohl fühlen nach diesen Erfahrungen?! Können wir davon etwas importieren, um auch dort ein wenig mehr dolce in’s vita zu bringen?! Wir werden sehen…

Einen kleinen Rauch-Schlenker machen wir auf dem Weg zum mercato; gewohnte Gassen, wie nebenbei begangen - oh ja, es fühlt sich heimisch an. Der fröhliche Markttrubel nimmt uns auf, wir gleiten inzwischen wie selbstverständlich zwischen den Ständen hindurch, nutzen kleinere Gänge, Nebengänge und Schleichwege. Stichwort heimisch.
Die Reihenfolge ist simpel, ergibt sie sich doch nach der Anordnung der Stände: erst die Decke, dann Gefäß, Putztücher und Schwämme, gleichzeitig an den Antik- und Trödelständen nach der Trinacria spähen, anschließend zum fruttivendolo und auf dem Heimweg eventuell noch die Elektrogeräte für Felix’ Musikanlage.

Wir erzielen Teilerfolge (Decke: grau, weil leider kein rosa mehr vorhanden / Gefäß: mittelgroße Plastikwanne, vom Verkäufer als extra stabil angepriesen / bemühte Trödelverkäufer, aber keine Trinacria - noch nicht….). Für Tücher und Schwämme wollen wir in der entzückenden Via Pacini ein Haushaltswarengeschäft aufsuchen. Der Obststand liegt auf dem Weg und wird heute wieder von einem der Jungen bedient. Er presst für Uli routiniert eine kleine spremuta di melograne aus, gießt den Saft durch ein Sieb, um die Kerne aufzufangen und reicht uns das Ergebnis mit einem höflichen Lächeln. Meinen Salat habe ich bereits gefunden (besonders viele Erdbeeren), die Bezahlung ist vollzogen, der ragazzo erhält einen Euro Trinkgeld, wir wenden uns zum Gehen - da springt der fruttivendolo in die Szene, schnappt sich den Becher aus meinen Händen und füllt ihn randvoll mit Orangensaft; ich muss direkt über seinen Auslagen den ersten Schluck abtrinken. Und dann lobt dieser freundliche junge Mann mich in den höchsten Tönen, bezeichnet mich als Freundin, Familienmitglied und spricht tatsächlich von amore, ganz keusch natürlich, mit einem vorsorglichen Blick auf Uli… Mir rauschen die Ohren, ich bin sprachlos und kann nur grazie mille stammeln und international gebräuchliche Gesten machen, bis ich ihm kurzerhand ein herzliches you really make my day entgegenstrahle. Ciao, a mercoledì, denn domani soll unser lange geplanter Ausflug zum Ätna stattfinden, der bereits in aller Herrgottsfrühe startet. Keine Chance, vorher den Salat abzugreifen; morgen früh wird jede Sekunde Schlaf zählen!

Ich grinse bis über beide Ohren, ganz und gar angetan von dieser Demonstration italienischer Herzlichkeit. Denn natürlich macht mir dieser Mann nicht den Hof, sondern ist einfach nur unglaublich gerne charmant und nett und mag es offenbar, wenn die Menschen sich gut fühlen.
Während ich genüßlich meinen Obstsalat vertilge, kauft Uli die restlichen Haushaltsgegenstände ein und dann wollen wir wieder nach Hause - die anderen Dinge können nachher noch besorgt werden.

Auch die neue graue Decke sieht auf dem Sofa ganz gemütlich aus und fügt sich nahtlos ins geschmackvolle Gesamtbild des schönen Wohnzimmers.
Ein bisschen plaudern wir mit Felix, erledigen ein paar LEO-Arbeiten und vertrödeln den Nachmittag gemütlich mit kleinen und größeren Aufgaben wie Abwaschen, Schreiben, Aufräumen und so Sachen, die einen normalen Alltag ausmachen. Es gibt einen Lunchsnack zwischendurch, leckeren Cappuccino mit Keks und entspannende Musik über Kopfhörer.

Da die Nacht nicht so arg kurz werden darf, holen wir uns bereits um 19 Uhr Abendessen: Uli und Felix aus einer neu eröffneten neapolitanischen Pizzeria und ich bei Easy Bistrot. Wir freuen uns alle über leckere Pizzen und steigen danach sofort in die Kartenrunden ein. Die Vernunft soll heute ausnahmsweise mal siegen und wir beenden den Spaß bereits um kurz nach halb 11, um noch gemütlich zu duschen und unsere sieben Sachen für die Vulkanbesteigung zu packen. Wir sind schon ziemlich gespannt, was uns da morgen erwartet!

evviva domenica * quattordicesimo giorno

… und wie schon vermutet so kam es auch: langes Zocken, manche Zwockel, ein kurzes Ruhen - schon ist er da, der neue Tag. Etwas verknittert begegnen wir uns im soggiorno und vergleichen die Rötegrade unserer Arme. Ich belege eindeutig den ersten Platz, meine Färbung ist am schrillsten. Bereits gestern Abend konnte ich die Spannung der Haut spüren und behandelte gleich mit DMSO und Combudoron-Gel. Wenigstens behob diese Kombi die Beschwerden und so sehe ich einfach nur krebsrot aus. Dagegen hilft eine langärmlige, hochgeschlossene Bluse. Schließlich will ich ja nicht als verbrannte Touristin auffallen, wenn gleich der Besuch eintrudelt. 

Bevor er das tut, machen Uli und ich einen kurzen Trip zur allmorgendlichen Granita bei Comis. Sogar Uli möchte heute eine, zur Feier des Sonntages cioccolato con panna. Göttlich!!

Als wir zufrieden zurückkehren, sind schon fast alle da, nur Anita sucht noch einen Parkplatz. Carlo weist mich als erstens auf seinen verbrannten Nacken hin. Dankeschön, dann kann ich ja auch ungeniert meine glühende Front präsentieren. Wir lachen, weil auch die dunkelhaarige Anita mit einer ähnlich intensiven Rötung aufwarten kann.
Was für eine spannende Runde sich eingefunden hat… in regem Austausch miteinander und sehr freundlich zu uns Außenseitern. Eine Dame spricht ziemlich gutes Deutsch, sie kommt aus den Niederlanden und berichtet über ihr Studium von Gesang und Tanz hier in Catania. Molto interessante. Nach einer gemütlichen Stunde zerstreut sich die Runde, einige möchten Mittagessen, andere streben un gelato an.
Ich habe die große Freude, mit Carlo und Anita ein paar richtige Italienisch-Lektionen absolvieren zu dürfen. Beide sind Lehrer und haben jede Menge didaktische Fähigkeiten, die mir das Sprechen und Lernen sehr einfach machen. Dennoch muss ich zwischendurch auf Englisch ausweichen, vor allem, wenn es um die Beschreibung von Gemütszuständen oder die Situation Deutschlands geht.

Dann brechen wir gemeinsam Richtung Piazza Duomo auf, es besteht der allgemeine Wunsch nach Granite. Gar nicht so leicht, ein passendes Plätzchen zu finden, denn wir sind zu siebt. In einem Straßencafé mit Blick über den sonnigen Platz erkämpft Anita einen Tisch für uns, dann muss Carlo nur noch mehrmals einen der Kellner rufen und schon können wir bestellen. Es ist schon fast 13 Uhr, aber ich möchte trotzdem einen Cappuccino; Felix zum Glück auch.
Schon als mir meine Granita nur hingestellt wird, ahne ich Schlimmes: das Zeug sieht ganz anders aus als von Comis gewohnt. Und leider schmeckt es auch ganz anders, nämlich ganz und gar nicht gut! Lustlos stochere ich in dem wässerigen Matsch herum und lasse über die Hälfte stehen; mein "è disgustoso!" löst allgemeines Gelächter am Tisch aus.
Es folgt eine herzliche Verabschiedung mit den üblichen baci - langsam fange ich an, mich daran zu gewöhnen, Wildfremden rechts und links Luftküsschen auf die Wangen zu hauchen. Auf dem kurzen Heimweg unterhalte ich mich angeregt mit Carlo; es ist immer ganz besonders interessant und intensiv, mit ihm zu sprechen. A presto, bis bald - ja, hoffentlich!!

Schnell steht der allgemeine Entschluss fest: erst ein kleines Schläfchen (un sonnelino), dann ans Meer. Felix ist wieder schnell ausgeschlafen und dreht seine tägliche Joggingrunde, während Uli noch ein bisschen am Kissen horcht und ich diverse Schreibfehler im blog korrigiere und meinen Nachrichtenrückstand aufarbeite.

Gegen halb fünf sind wir startklar, das Auto hat eine angenehme Temperatur, so als kleiner Saunagang vor dem kühlen Nass.
Nach knappen 15 Minuten flotter Fahrt findet Felix uns einen sehr schönen Parkplatz direkt am Strandeingang. Nun kann man das Meer fast schon riechen! Der Strand ist ziemlich breit und wir müssen ein bisschen gehen, bis wir eine Stelle finden, die uns behagt (kaum Müll, aber direkt neben einem Haufen trockener Pferdeäpfel - das haben wir allerdings erst später gemerkt). 

Uli bewacht freundlicherweise unsere Sachen, während Felix und ich blitzschnell im Wasser sind. Das müssen wir auch, sonst wäre der Frischefaktor gar zu unangenehm. Glücklicherweise baden auch ein paar andere Menschen, eventuell sogar Einheimische… auf jeden Fall kommen wir uns so nicht übermäßig exotisch vor.
Herrlich ist das klare Wasser! Wir plantschen eine Weile herum, während neben uns Ozeandampfer in See stechen und hinter uns in kurzen Abständen Flugzeuge landen und starten (Fontanarossa ist nicht weit). Eine seltsam anmutende Szenerie - vor allem mit dem schwer wolkenverhangenen Ätna am Horizont.

 
 
Nach dem Bad sind wir zügig wieder angezogen, denn der Wind ist schon recht kühl. Immerhin geht es auf 18 Uhr zu. Felix hat köstliche Snacks für uns mitgebracht, die wir jetzt mit gutem Appetit zu uns nehmen. Im Minutentakt erscheinen Händler mit den unterschiedlichsten Angeboten an unserem Lager: Getränke, Schmuck, Massagen stehen zur Auswahl. Manche Anbieter sind impertinent und wollen nicht locker lassen, obwohl wir unser „no, grazie“ gebetsmühlenartig wiederholen. 
 
Man beachte die Füße im Bild, der Nächste steht schon in Angriffsposition. ⬇︎⬇︎
 
 
Bald wird es uns zu ungemütlich und wir tigern durch den sonnenwarmen, feinen Sand zum Auto zurück. Nun geht’s direkt zur Autovermietung, wo wir erstmal etwas länger warten müssen, bevor ein leicht angestrengter Herr erscheint, der das Fahrzeug entgegen- und Felix die Last abnimmt, morgen in aller Frühe hier auflaufen zu müssen.

Zuhause starten wir eine Maschine Wäsche und puzzeln an unterschiedlichen Sachen herum, bis es Zeit für das Abendessen ist. Wir wählen den kürzesten Weg: aus dem Haus, über die Straße und rein zu Mamma Rosanna, die entzückt Felix in die Arme schließt und erstmal in ein angeregtes Gespräch über Familie, Gott und ein bisschen Welt verwickelt.
Wir nehmen vor dem Lokal Platz, außer uns ist niemand anwesend, dennoch warten wir auch hier etwas länger ... Aber dann kommt unser Essen und es ist ausgesprochen köstlich. Bereits die Vorspeisen und der Gruß aus der Küche (würzige Mini-Arancini) sind oberlecker, aber die Hauptspeisen begeistern uns geradezu! Ein winziger Nachtisch passt auch noch hinein; schon ist es halb zehn und wir möchten pronto an den Spieltisch, der Terror-Ramsch ruft. Unglaublich viel Spaß macht uns diese spezielle Skat-Variante, bei der man besser über ein gehöriges Potential an Frustrationstoleranz verfügt!

Erst nach halb eins lande ich am Schreibtisch - morgen schlafen wir erstmal richtig schön aus.

Samstag, 26. April 2025

una bella festa in campagna e sui prati * tredicesimo giorno

Uli weckt mich sanft - ich hatte darum gebeten, damit ich heute nicht in Zeitdruck gerate: vor der Abfahrt gegen 11 Uhr möchten wir ja schließlich noch zu Comis (fare colazione), zu Savia (nove Arnacini, zu besorgen als Mitbringsel für’s Büfett) und natürlich den unvermeidlichen Obstsalat vom fruttivendolo preferito, aber bitte mit Granatapfelsaft - meine Mutprobe des Tages.
Das Frühstück haben wir schnell abgehandelt, was zu wenig wertschätzend klingt für das, was man uns bietet, denn es ist erneut und wie gewohnt köstlich. Der mürrische Kellner wird auch zunehmend freundlicher zu uns - grazie, molto gentile!

Nun aber zum Arancini-Dealer, auf Schleichwegen, weil ja mittendrin der Markt tobt und der ist heute besonders gut besucht… soviel Zeit haben wir nicht (aber für ein, zwei Fotos muss es reichen!).

Bei Savia geht es blitzschnell; dort hält sich der Andrang in Grenzen (es ist noch zu früh für pranzo). Man überreicht uns ein sorgfältig, fast liebevoll verpacktes Tablett mit den begehrten Reisklößen. Das Gewicht ist erstaunlich! 

Danach ist die Mutprobe dran. Diese wird vom Schicksal noch ein bisschen verschärft, denn am Stand steht nicht mein netter Verkäufer sondern zwei Jungen, geschätztes Alter 12. Hilfe, ich trau' mich nicht, denke ich erst - aber dann siegt die Abenteuerlust und ich trage mein Anliegen vor. Man versteht mich sogar, erklärt aber, den Salat gibt es nur mit Orangensaft. Dennoch versuche ich es wieder, der eine Knabe wird schon schwach und da eilt der Händler herbei. „Eigentlich machen wir das nicht, Signora, aber du bist ja hier zuhause und bekommst selbstverständlich deinen Obstsalat, wie du ihn möchtest.“ Mutprobe bestanden, Ganzkörpergänsehaut gratis dazu! Ich bin unglaublich stolz, verabschiede mich mich mit einem verbindlichen „a lunedì“, erhalte ein zutrauliches Winken zurück und schwebe beseelt von dannen.

Pünktlich um 11 Uhr sind wir im Palazzo, Felix konnte erfolgreich ein Auto für uns ergattern, das gehen wir jetzt gemeinsam abholen, um dann Richtung Presa zu starten. Dort befindet sich das Grundstück von Carlo und Anita, wo sie sich gerne als Selbstversorger häuslich niederlassen möchten.
In der Autovermietung haben wir unvermutet eine kleine Wartezeit zu überbrücken (solo dieci minuti), die Felix dafür nutzt, unsere Ankunft zu bestätigen. 

Der klebrige Obstsalat darf auch bald verspeist werden, das mache ich dann gleich ganz gemütlich im Auto. Eine knappe Stunde Fahrt liegt vor uns, herrlich - ich liebe es, herumgefahren zu werden! Und Felix chauffiert uns wie ein junger Gott elegant und sicher durch die wildesten Verkehrs-Turbulenzen…. è meraviglioso.

Ein ordentliches Stück bergauf geht es, das Knacken in den Ohren belegt deutlich den Höhenunterschied. Als wir das Grundstück erreichen, erstreckt sich vor uns ein herrliches Panorama, inklusive verschneitem Ätna, Prachtgewächsen, Mittelmeerblau und malerischen Bergketten rundherum - atemberaubend! Und so still… völlig ohne Straßenlärm, das ist überaus angenehm nach dem durchgängigen Stadttrubel der letzten Tage.

Sehr freundlich werden wir von allen Seiten begrüßt, manche packen sofort ihre Englisch- und Deutschkenntnisse aus und erleichtern uns damit den Einstieg in die Konversation erheblich.

Der flauschige Gino freut sich enorm über die mitgebrachten Snacks aus Wasserbüffel und Ziege, die ich vorsorglich in einer Hundeboutique in Lübeck besorgt hatte, nachdem Almut berichtete, dass sie immer für Gino Leckerli dabei hat. Anita und Carlo finden toll, dass wir bei den Mitbringseln für’s Büfett auch an ihr Hundchen gedacht haben.

Nachdem Gino in Null Komma Nix alle Fleischbrocken verschlungen hat, werfe ich ein interessiertes Auge auf das Büfett für die Menschen und bin voller freudiger Erwartung ob der erblickten Köstlichkeiten. Dagegen sind unsere Arancini absolut langweilig. Zum Glück wird auch sofort zum Essen gebeten und wir dürfen uns die Teller mit derartigen Leckereien füllen, dass ich nicht einmal an ein einziges Foto auch nur denken kann - mi dispiace!

Zwischendurch sprechen uns immer wieder Gäste an und führen entzückende Gespräche mit uns. Eine Dame ist besonders nett und als sich herausstellt, dass sie eine Französischlehrerin ist - die erste ihrer Art, die ich kennenlerne, die entspannt, hübsch, humorvoll und unglaublich lustig ist - bin ich begeistert. Wie wundervoll, ein weiteres Vorurteil stirbt.
Die Stimmung ist ausgelassen und gleichzeitig entspannt. Menschen aller Altersstufen sitzen und stehen gemütlich zusammen und führen angeregte Unterhaltungen. Die Kinder spielen alle fröhlich, erst Ball, dann Verstecken. 10 bis 14-Jährige, offen, beweglich, freundlich, gesund; sie flitzen auf dem gesamten Grundstück herum, rasten zwischendurch bei ihren Eltern, in einem sichtbar fürsorglich-zärtlichen Miteinander, das von beiden Seiten ausgeht. 

Wir beobachten Szenen zwischen Söhnen und Vätern, von denen wir beide bisher nur zu träumen wagten. Am gesamten Nachmittag gibt es nicht eine einzige unpassende Situation, kein grobes Wort, keinen Missklang, nicht die winzigste ungemütliche Zwocke - nein, es herrscht rundherum die reinste Freude. Wir erleben atemlos eine himmlische Gemeinsamkeit, die durch ein Spontan-Konzert gekrönt wird, das mir jetzt noch die Tränen der Rührung in die Augen treiben will. So viele strahlende Gesichter, so eine überwältigende Schönheit. Dieses Gefühl ist so stark… zwischendurch fast unerträglich - es tut sogar mächtig weh (zum Beispiel im Hinblick auf eine immer deutlicher am Horizont auftauchende Rückreise)!

Unsere überaus lieben und so sympathischen Gastgeber verabschieden uns mit einem fröhlichen „a domani“, bis morgen, denn morgen früh um 10 Uhr wird es im Palazzo di Felice das nächste kleine Treffen geben.

Ciao a tutto, wir winken in die Runde, Felix bringt uns sicher wieder den Berg hinab und auf interessanten Nebenstraßen zurück Richtung città nera. Es taucht ein decò auf, den steuern wir an, um bequem unsere Einkäufe zu erledigen - klasse, muss keiner nochmal extra los.

Anna ist da und wirbelt durch die Wohnung, mit Wischmopp, Putztuch und Möbelspray sorgt sie für hygienisch-frischen Magnolienduft in allen Räumen, während ich mit Musik auf den Ohren am Wohnzimmertisch sitze, begeistert schreibe und die vielen Bilder vom Tag sichte. Uli bereitet uns ein leckeres Abendbrot mit Salat und gekochten Eiern zu, wir haben zwei Arancini wieder mit zurückgebracht, die munden auch kalt ausgezeichnet. Und natürlich wollen die Karten unbedingt gleich ein paar Runden bewegt werden! Diese Nacht wird vermutlich viel zu kurz...