Catania at it's best

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la bella città nera

Dienstag, 29. April 2025

balliamo sopra la bella donna Etna * sedicesimo giorno

Abrupt endet die unruhige Nacht, erneut befeuert durch wilde Träume… wir erleben einfach so Vieles, was im Schlaf noch mächtig nachhallt.
Da wir am Vorabend schlau waren und alles bereits gepackt ist, machte es gar nichts, dass wir etwas verpeilt in der Wohnung herumstolpern. Es ist eben so gar nicht die richtige Zeit, vor allem nicht im Urlaub! Aber: pünktlich um 8:15 Uhr stehen wir artig an der Piazza Stesicoro, wo wir eingesammelt und auch den vierten Exkursionsteilnehmer kennenlernen werden. Angekündigt ist ein Russe; unsere Phantasie blühte bereits in den schillerndsten Farben. Fahrer Gabriele ist schon da. Er steht vor seinem Kleinwagen und begrüßt uns freundlich - und ich denke nur: ohje, da sollen wir gleich zu fünft eine knappe Stunde drinhocken?!
Da die fünfte Person sich noch nicht zeigt, eilen wir kurz auf einen klitzekleinen Cappuccino in ein nahes Café; wer weiß, wann es wieder einen gibt? 

Kaum haben wir den ersten Schluck getrunken, da klingelt schon Felix’ Handy: die Fahrt kann losgehen, der vierte Teilnehmer ist soeben eingetroffen.
Nun sind wir wirklich gespannt: wie sieht er wohl aus?! Und da steht Dennis vor uns: ein schmächtiger blonder Jüngling, geschätztes Alter Anfang 20. Sein Italienisch ist beeindruckend, sein Englisch ist perfekt, er spricht auch ziemlich gut Deutsch und berichtet weiterhin, dass sein Chinesisch auch fließend ist, da er drei Jahre dort gelebt hat. Wow, ich staune. Beeindruckend! Ebenso beeindruckend wie die Fähigkeiten unseres Fahrers: Gabriele zirkelt uns sicher aus der Stadt heraus und gibt auf der Autobahn auch gerne etwas mehr Gas. Leider spricht er fast kein Englisch und ich verstehe ihn nicht besonders gut. Vielleicht ist das dieser catanische Slang, von dem Felix erzählte? Dennis allerdings plappert eifrig mit ihm, er scheint damit keine Probleme zu haben. Und als er dann auch noch erwähnt, dass er erst seit vier Monaten Italienisch lernt, möchte ich verschämt verstummen.

Dank der überaus sportlichen Fahrweise erreichen wir schon etwas früher als erwartet den Treffpunkt, wo unser Vulkan-Führer auf uns wartet: Gianfranco, ein bäriger Trapper-Typ, der zum Glück sowohl Italienisch als auch Englisch spricht, sodass wir nicht ständig Felix um Erklärungen bitten müssen. Einige Höhenmeter haben wir bereits überwunden, die Temperatur ist angenehm (zumindest im Windschatten), aber da wir dem Frieden nicht recht trauen, haben wir vorsorglich Jacken und Schals dabei.

Jetzt dürfen wir uns in dem geräumigen Allrad-Van verteilen und zu meiner Überraschung steigt Gabriele auch mit ein. Schon geht es los in den Parco dell’Etna, den seit 1987 existierenden Schutzgürtel rund um la bella donna Etna, fürsorglich eingerichtet, um die einzigartige Flora und Fauna vor menschlicher Willkür zu schützen.
Die Umgebung wird schnell skurril-einzigartig - nur leider liegt derartig viel unverschämter Müll am Straßenrand, dass ich nur noch mit dem Kopf schütteln kann! Fahren die Menschen extra hierher, um ihren Dreck abzuladen? Ja, bestätigt unser Guide, so sind sie, diese Menschen - hier, bei uns und ebenso in Russland, wie Dennis erklärt. 

Wir halten an einem weiten Feld voller schwarzer Mini-Brocken aus porösem Gestein und Gianfranco erklärt, dass es sich hierbei um Aschehagel handelt, der nach Ausbrüchen niedergeht. Beim Herumlaufen knirscht und staubt es heftig und meine schwarzen Sachen sind sofort grau bepudert. 

der lustige Dennis

Unser nächster Halt ist eine Skistation, an der sich mehrere Buden mit Touri-Krempel, Kaffee, Gebäck und Mietjacken finden - scheinbar kann man damit problemlos Geld verdienen, denn es ist hier oben ungemütlich kalt. Meine Jacke muss ich sorgfältig schließen und das Halstuch darüber gründlich festziehen. Die Schneefelder des Ätna sind bestens zu begutachten; wir gönnen uns noch einen Cappuccino und obendrein finde ich ein paar schöne Postkarten, ein Mitbringsel für mein Enkelkind und vor allem ein bagno, denn ich vermute, dass es im weiteren Verlauf des Ausflugs davon nicht mehr so viele geben wird (was sich als vollkommen korrekt herausstellen soll).

Der folgende Halt dauert eine ganze Weile länger, denn nun steigen wir voll ein in unser Ätna-Abenteuer und folgen dem eindrucksvollen Rundweg Monti Satorius, der uns erst durch von fiesen Raupen befallene Pinienwäldchen, dann zwischen gespenstisch weißen Birken hindurch und schließlich zu einem steilen Anstieg auf ein Plateau führt, von dem aus der Blick gigantisch ist und wo der frische Wind in voller Stärke wirken kann. 

Hier in 1700 m Höhe muss das Halstuch fix um den Kopf, obwohl mir vom Anstieg der Schweiß läuft. Was für eine Landschaft. Unglaublich! Wie auf dem Mond, meint der fröhliche Dennis, der wie ein verspieltes Kind um uns herumhüpft und alles genau erkundet. Diese jungen Hunde - überhaupt: wie alt er wohl ist?! Sein umfangreicher Lebenslauf im Bereich IT lässt ein höheres Alter vermuten, aber so sieht er wahrlich nicht aus. Ich beschließe, ihn nachher beim Essen mal direkt zu fragen.

Wir lauschen gebannt Gianfranco, der uns in seine Welt entführt. Schon seit frühester Jugend ist er vulkanbegeistert und das spürt man in seinen Erklärungen, die interessant, lehrreich und gleichzeitig unterhaltsam sind. Von Magma und Lava und Vulkanbomben ist die Rede; wir erfahren, dass Säugetiere hier nicht leben können, weil es kein fließendes Wasser für sie gibt. Alles, was vom Vulkan rinnt oder an Schnee schmilzt, wird direkt von dem saugfähigen Gestein aufgenommen wie von einem Schwamm.

Der imposante Weg endet an einer lauschigen Bank unter einem besonders schönen Birkenexemplar. Gianfranco holt schnell den Van für uns, den wir dankbar entern: das Gehen auf dem knirschenden, rutschigen Gestein ist ähnlich anstrengend wie in Strandsand. 

Alle sind so voll von andächtigem Staunen, dass erstmal eine ganze Weile Schweigen herrscht. Am Treffpunkt verlassen wir das warme Gefährt, nun soll es Mittagessen geben. Ein kanadisches Ehepaar stößt dazu, scheinbar wollen sie auch mit uns essen. Suchend schaue ich mich nach dem Gasthof um, entdecke aber nichts auch nur annähernd ähnliches. Gianfranco geht flott los und führt uns durch ein Gewirr von immer enger werdenden Trampelpfaden. Und hier soll ein Restaurant sein? Wahrscheinlich ein ganz besonders Lokal, ein Geheimtip der Einheimischen… Und wahrlich, genau das erwartet uns: ein freundlicher Bioweinbauer vor einem aus Paletten gebauten Picknicktisch und seinem Feld mit Weinstöcken. Dahinter präsentiert sich uns ein herrlicher Rundblick über das Meer und die Berge.
Und was da auf diesem Tisch steht, sieht hervorragend aus! Rustikal, ungewöhnlich, einzigartig. Dieses besondere Erlebnis rundet die spannende Wanderung ganz vortrefflich ab.

Wir naschen von den Köstlichkeiten, die aus würzigem Käse, herzhafter Salami, Linsen-, Fenchel-, Orangensalat, kleinen Bratlingen, Eiern, Brot und frischen Erbsen und Fababohnen besteht. Dazu gibt es eigenes Olivenöl und natürlich von dem organischen Wein in weiß und rot. Sogar ich muss ein Schlückchen nehmen, es passt einfach zu gut zur Gesamtatmosphäre.

Mit dem kanadischen Ehepaar unterhalte ich mich eine längere Zeit, sie sind auf einer Sizilien-Rundreise; die Frau hat heute Geburtstag.
Innerhalb weniger Augenblicke fallen plötzlich schwere Tropfen, sodass wir uns unter den einzigen Baum flüchten, der verfügbar ist. Gianfranco und Gabriele eilen davon, sie holen das Auto - bestens! So plötzlich, wie der Regen begann, endet er auch. Die kleine Gruppe zerstreut sich nach Laune (oder Bedürfnis) und so nutze ich die Chance, um schnell mal ein paar Züge zu rauchen. Hätte ich das nur besser gelassen!

Nicht der geländegängige Van kommt uns einsammeln, sondern der Kleinwagen. Okay, kein Problem, das ging auf dem Hinweg ja auch. Nur, dass wir da auf normalen Straßen unterwegs waren! Und die gibt es hier gerade überhaupt nicht. In die Halteschlaufe des Beifahrersitzes gekrallt schwitze ich Blut und Wasser, während Gabriele sein armes Auto über holperige und vor allem steile Wege quält, die schon zu Fuß höchst anspruchsvoll wären! Oh Hilfe! Ich kann nur stille Stoßgebete gen Himmel senden und als ich denke gleich kann ich nicht mehr! landen wir endlich wieder auf einer halbwegs asphaltierten Straße.
Jetzt fängt es an, heftig zu regnen, was allerdings nicht zu einer Reduzierung des Tempos führt. Nein, eher scheint es, als müsse irgendein Rekord gebrochen werden: Gabriele rast halsbrecherisch die Serpentinen hinunter und ich rechne jede Sekunde mit einer Kollision oder damit, einfach aus der nächsten Kurve zu fliegen! Wahnsinn!! Sollen wir wirklich hier unsere doch recht behaglichen Leben lassen? In einem italienischen Kleinwagen, auf Sizilien, im Sturzregen?? Mein Hirnzustand nach dem Pfeifchen erleichtert mir die Situation auch nicht wirklich - eher im Gegenteil!
Als die Autobahn erreicht ist, möchte ich kurz aufatmen, aber auch das ist mir nicht vergönnt, denn hier kann endlich mal richtig Gas gegeben werden und so überholen wir alle anderen Fahrzeuge mit sportlichen 130 km/h - wohlgemerkt in 80-Zonen - oder wahlweise 80 km/h in 40-Zonen. Mir stehen alle Haare zu Berge, während auf der Rücksitzbank entspanntes Schweigen herrscht: Dennis scrollt auf seinem Handy herum, Uli schläft, Felix schaut aus dem Seitenfenster - niemand außer mir scheint sich irgendwelche Sorgen zu machen!

Aber auch dieser Horror findet ein gutes Ende, wir fallen unbeschadet vor Felix’ Wohnung aus dem Fahrzeug, rufen noch ein herzliches (oder erleichtertes!) ciao hinterher und schon sind Gabriele, der (29-jährige) Dennis und das kleine weiße Auto um die nächste Ecke verschwunden.
Felix eilt sofort zu einem Termin und ich muss erstmal meinen nervösen Körper beruhigen, der schließlich nicht wusste, ob er diese Aktion überleben wird.
 

Cappuccino, ein paar Kekse, CDL-Wasser, die tollen Fotos sichten, schreiben - all das hilft mir aus dem Stress heraus und so komme ich langsam wieder zur Ruhe.
Uli erledigt ein paar LEO-Arbeiten, während die brave lavatrice meine staubigen Sneaker reinigt und ich mich an diesem Text festbeiße - was für ein Tag, was für ein Abenteuer! Dagegen wird der nervzerfetzende Terror-Ramsch nachher das reinste Zuckerschlecken. Aber vorher gibt es erst noch ein schönes Abendessen (Uli holt uns Pizza, Felix mag was von der Mamma gegenüber) und ich sortiere diesen Beitrag schonmal so zurecht, dass ich ihn nachher einfach nur noch hochladen muss.

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