Catania at it's best

Catania at it's best
la bella città nera

Freitag, 9. Mai 2025

siamo molto triste * ultimo giorno

Bereits vor dem Weckruf um sieben bin ich wach, möchte aber so gar nicht aufstehen! Wenn ich mir einfach die Decke über den Kopf ziehe kann ich ja vielleicht liegen bleiben?! Als dann Uli zu mir kommt, um mich zu wecken, ist die Gewissheit da: Aufbruch, Abschied, Abflug - arrivederci Catania! Als kleines Abschiedsgeschenk hat mir ein Blutsauger ein circa 50-Cent-Stück großes Mal auf dem Rücken hinterlassen - da helfen DMSO und CDL zum Glück pronto. Die letzten Handgriffe stehen an, die restlichen Dinge verschwinden in den Koffern und schon ist es Zeit, die Schotten des Palazzo zu schließen. Als wir die Wohnungstür ins Schloss ziehen und der Fahrstuhl uns nach unten befördert, beginnt das erste Seufzen... oh, wie gerne wir hier sind!! Der Weg zum ZOB ist nicht lang, wir trotten über die Piazza Bellini, werfen einen sehnsüchtigen Blick zu Comis und trösten uns damit, dass wir ja am Flughafen nochmal frühstücken können, da gibt es sicherlich auch Cappuccini und Brioches und Granite.

Nur zehn Minuten müssen wir warten, dann sammelt uns der Bus ein und in flotter Fahrt rauschen wir ab gen Fontanarossa. Die Tickets können leider nicht gestempelt werden, och wie schade! Also verwahre ich diese, es ergibt sich bestimmt eine weitere Gelegenheit zur Nutzung.... Im Flughafen irren wir erst ein bisschen herum, bis wir den Schalter von Transavia entdecken; er befindet sich im etwas abseits gelegenen Terminal C. Schnell sind wir die Koffer los und können uns ums Frühstück kümmern. Dafür wandern wir zurück in den Hauptkomplex und warten dann etwas länger auf einen Tisch im Café - macht nix, wir haben genug Zeit. Es gibt Granita und glutenfreie Brioches. Perfekt, denke ich, bis uns eine dubios aussehende Masse serviert wird, dazu ein ebenso dubios anmutendes Stück Gebäck in Folie. Ja, ich bin verwöhnt von Comis Köstlichkeiten! Ein paar Löffel Granita und viereinhalb Bröckchen Brioche probiere ich: scheußlich, wie befürchtet! Immerhin: die Cappuccini munden. Also bleibt der Rest stehen und wir schleichen enttäuscht davon. 

Als nächstes ist uns unklar, wo wir durch die Sicherheitskontrolle müssen. Im Hauptterminal herrscht ein derartiger Andrang, dass ich Sorge bekomme, das Boarding zu verpassen! Sind wir denn überhaupt richtig hier? Bevor wir erst lange anstehen und womöglich noch feststellen müssen, falsch zu sein, frage ich lieber zwei freundliche Damen. Und tatsächlich: sie erklären, dass wir ins Terminal C zurück müssen. Dort besteht die Schlange vor der Security aus fünf Personen und wir sind im Nu durch. Meine Flasche mit Ananas-Schorle wird komplett ignoriert, genau wie Felix schon berichtete. Super, dann haben wir ja immerhin fast einen halben Liter Getränk, bis es in Amsterdam bzw. auf dem Anschlussflug die nächste Versorgungsmöglichkeit gibt. Boarding ist bereits in vollem Gange, wir müssen nicht lange warten, bis wir auf dem Rollfeld unsere Boing 737 entern dürfen. 

Die Maschine wird proppevoll, die Luft darin ist verbraucht und viel zu warm. Der italienische Herr neben uns lacht Sauna gibt's heute gratis. Aber großes Glück: keine Stinkbomben in Riechnähe!! Diedrich hatte es uns gewünscht, ich hatte inständig darum gebeten - es hat funktioniert. Danke an alle guten Mächte!

Beim Abheben laufen bittere Tränen, ein letzter Blick auf den prächtigen Ätna und über die wundervolle città nera und schon sind wir über den Wolken. Die Temperatur an Bord wird endlich angenehm, der Blick ist weit und herrlich, die vielen italienischen Mitreisenden sind fröhlich und die geplante Flugzeit mit knappen drei Stunden ist sehr überschaubar. Mit Musik auf den Ohren schweben wir sanft gen Norden und versuchen, nicht zu sehr daran zu denken, was uns daheim wohl alles so erwarten mag.... 

Die Zeit vergeht tatsächlich wie im Flug; ich bin noch vertieft ins Abschreiben meiner Italienisch-Vokabeln, da fängt es bereits an, in den Ohren zu knacken: Amsterdam liegt unter uns, in freundlichem Sonnenschein und imposant zu betrachten. Die Stadt erstreckt sich soweit das Auge reicht und hat ein paar tolle Hochhäuser modernster Architektur zu bieten. 

Mit tauben aber kaum schmerzenden Ohren setzen wir elegant in Schiphol auf und suchen uns erstmal einen Waschraum und dann ein gemütliches Plätzchen für unser Mittagspicknick, bestehend aus belegten Broten, Tomaten, Eiern, Käsewürfeln und Chips. Das kleine Getränk ist schnell geleert, reicht aber fürs erste. Uli fallen immer wieder die Augen zu; da erreicht uns die Nachricht, dass unser Weiterflug um eine Stunde nach hinten verschoben wird... Gleichzeitig wird eine Liege frei, die sichert Uli sich und keine zwei Minuten später zucken seine Beine verdächtig. Er ist in guter Gesellschaft, um ihn herum wird fleißig geschnarcht.

Währenddessen halte ich die Stellung, indem ich das Gepäck bewache und ein paar Nachrichten verfasse. Dann lese ich meinen letzten blog-Beitrag (hatte ich gestern Abend und heute Morgen nicht geschafft -> ärgerliche Fehler, die ich nicht sofort korrigieren kann - ätzend!), vergieße ein paar Tränen und schon hat Uli ausgeschlafen und regt an, einen Cappuccino zu besorgen. Oh man..... 10 € für zweimal scheußlich schmeckendes Gebräu. Aber wenigstens heiß, denn uns ist doch etwas frisch geworden in der voll klimatisierten Wartezone. 

In aller Ruhe suchen wir unser Gate, sitzen dort auch noch etwas herum und quetschen uns dann in den nächsten vollbesetzten Flieger. Wieder keine Stinker im direkten Umfeld, hurra!! Dieser Flug dauert nur 45 Minuten, dennoch reicht die gut gelaunte KLM-Crew Snacks und Getränke. Unter uns reisst die Wolkendecke immer wieder auf; die minikleine Landschaft darunter kommt uns bereits sehr vertraut vor. 

Kaum sind wir richtig oben, da geht es auch schon wieder abwärts. Noch einmal knacken die Ohren, dann ist es vollbracht: Germania hat uns wieder, unser sizilianisches Abenteuer ist zuende. Das Gepäck kommt unbeschadet herangerollt, wir verlassen den Flughafen und schlottern ein wenig: bah, ist das kalt hier!!

In der S-1 empfängt uns prompt der fiese Parfüm-Geruch; zum Glück sind die Fenster offen und die Fahrt ist nach knappen 30 Minuten überstanden. Am Bahnhof brauchen wir dringend etwas zu trinken - die hohen Preise sind gewöhnungsbedürftig - egal! Im Zug nach Lübeck setzt uns erneut die Kälte in Form einer zu hoch regulierten Klimaanlage zu; vielleicht sind wir aber auch nur total erschöpft?! Mit schwirrenden Schädeln erreichen wir unsere Wohnung, wühlen noch ein bisschen unmotivert herum und beschließen dann, den Tag zu beenden. Immerhin wollen all die vielen wunderbaren Erlebnisse erstmal verdaut werden. Und morgen ist ein neuer Tag!

Mittwoch, 7. Mai 2025

il nostro fruttivendolo regala troppi frutti * ventiquattresimo giorno

Nun ist er da, der letzte Tag. Sonnig, duftend, lebendig-lärmend strömt er ins Zimmer und lässt mein etwas tristes Herz trotzdem hüpfen. Was für ein Genuss das immer wieder ist: dieser erste morgendliche Moment…
Der Dusche wische ich eins aus und benutze die herrliche Asche-Seife, die sich sofort abwäscht, sodass ich schon mit allem fertig bin, als der unvermeidliche kalte Guss kommt. Hah!!
Dass die Kabinentür nicht gut schließt, merke ich an den großen Pfützen nach jeder Dusche. Da muss ein passendes Frottee-Bodentuch her. Stichwort: mercato. Es gibt bereits eine mercato-lista, auf der befindet sich -Schuhlöffel, -Reis (nur eine Hand voll, für den Salzstreuer) und -Farn (ich hatte einen tollen Kunstblumenstand gesehen und der Palazzo verträgt noch ein paar grüne Akzente).

Kurz steige ich in die Italienisch-Lektionen ein, merke aber, wie meine Sinne nach Mandorla-Granite mit Brioche gieren und rege einen baldigen Aufbruch an. Wie nebenbei zeigt Uli mir den tiefen Schnitt, dem ihm die Kaffeedose heute Morgen zugefügt hat - autsch!! Blutet doch gar nicht mehr, sagt Uli; vorsichtshalber verpflastere ich ihm aber die Stelle doch lieber, vor allem im Hinblick auf den Markt, wo wir wieder alles mögliche anfassen….

Da heute ein frischer Wind weht, legen wir doch lieber etwas Schützendes an. Die Luft ist klar und sauber, womöglich durch den gestrigen Regen. Bei Comis gibt es die übliche Graniten-Bestellung und da der fröhliche Kellner heute Dienst hat, bekommen wir sogar drei Luftküsschen zum Abschied!

Ein noch größerer Schlenker Richtung Markt führt uns an dieses, uns auch bisher unbekanntes schattiges, Plätzchen mit blühenden Bäumen und Palmen - eigentlich eine übergroße Verkehrsinsel, denn rund um uns bewegt sich ein mehrspuriger, stetiger Strom aus Bussen, LKWs, Rollern und Autos.

Auch ein anderer Herr hat es sich hier gemütlich gemacht - verständlich, denn es ist wirklich schön, zumal Duft und verlockendes Glitzern des Mittelmeers greifbar nah sind („nur“ die Bahnlinien liegen dazwischen).

Die Blüten der Bäume verströmen ein intensives Aroma, so lieblich, dass ich mich kaum sattriechen kann. Hier möchte man Biene sein - allerdings sehen wir keine einzige. Ganz in Ruhe rauchen wir, auf eine der vielen Bänke lässig in den Schatten gefläzt. 

Dann treten wir den Gang zum Markt an und erleben dort noch einmal das turbulente Treiben und lautstarke Angepreise, die Mopeds und Fahrräder, die sich durch’s Getümmel schlängeln, vorsichtig, aber erstaunlich zügig. Die Menschen weichen ohne sich auch nur umzudrehen seitwärts aus, um sofort die Gasse wieder zu schließen, nachdem das Fahrzeug durch ist. Dem besonders lauten Sockenverkäufer steht der Schweiß auf der Stirn; kein Wunder, er legt sich ins Zeug wie ein stolzer bunter Gockel, sein Ruf schallt weit über den Platz. Heute haben wir Augenkontakt, ich lächle sehr freundlich grazie, ma no, grazie - da stoppt sein Lockruf für einen Moment, wir lachen herzhaft miteinander und sein sonst eher verbissenes Gesicht wird weich und fröhlich. Diese winzig kleinen Erlebnisse am Rande sind es, die mich am meisten faszinieren.

Der Dialog mit den beiden Verkäufern am Stand für Heimtextilien ist etwas anspruchsvoller und es braucht mehrere Anläufe, bis ich mich verständlich gemacht habe - erfolgreich, denn man reicht mir das gewünschte Objekt in hervorragender Qualität. Grazie mille! Ich erhalte das zweifach in Folie verpackte schneeweißes Bodentuch und wir können den ersten Punkt auf der Liste streichen.
Punkt zwei, der Schuhlöffel, braucht noch mehr Anläufe inklusive Scheußlichkeiten, bis wir bei unserem  bereits vertrauten Händler ein superstabiles, ansehnliches Exemplar erspähen. Perfekt!
Mit dem Farn wird es nichts, der Stand ist leider nicht auffindbar und nachdem wir ein paar Richtungen abgeklappert haben, verschieben wir diesen Punkt auf ein anderes Mal - nicht so wichtig.

Beim nächsten Stop wird mir etwas mulmig, denn nun stehen wir vor unserem fruttivendolo, der jauchzt und uns sofort einem sehr nett lächelnden halbjungen Mann als seine guten Freunde vorstellt. Beide sind in bester Plauderlaune und alles ist so wunderschön, aber als ich erkläre, dass heute unser letzter Tag ist, wird das Gesicht des fruttivendolo auf einmal ernst - nein, das darf nicht sein! Wann kommt ihr denn wieder?! Und dann erhalte ich nicht nur meinen Obstsalat und mein Seltz, beides randvoll, sondern er schenkt mir einen Becher mit Melone, einen mit Kokosstücken und dann möchte er mir auch noch eine Spremute schenken… mühsam wehre ich ihn ab, ho solo due mani e un stomaco - wir lachen gemeinsam und er kommt hinter seinem Stand hervor, um uns zu umarmen. Herz auf Herz zeige ich ihm; er versteht und hält mich kurz ganz fest an sich gedrückt, so herzlich, dass mir die Tränen in die Augen steigen. Dann umarmt er Uli ebenso intensiv und ich muss gleich noch mehr weinen!
Einen kleinen Melograno möchte er mir schenken, als Souvenir - nein danke, das ist unpraktisch, aber ich küsse den Granatapfel; er fasst sich ans Herz und schenkt mir den letzten hingerissenen Abschiedsblick.
Wir stolpern ganz schnell fort, sonst wird’s zu doll mit dem Wegfahr-Weh.
Beladen mit mehreren klebrigen Bechern müssen wir praktisch denken und erstmal schnell eine Bank finden, und zwar unbedingt schattig. Dann können wir uns in Ruhe sortieren und die Gemüter abkühlen; dabei helfen die leckeren Obststücke. 

Was allerdings nicht schön ist und uns ein bisschen in Schrecken versetzt, ist die Tatsache, dass auf der gründlichen Verpflasterung plötzlich Blut erscheint, welches an Uli’s Hand herunterläuft! Schnell hochhalten, drücken, weitere stramme Pflaster drauf und vor allem Ruhe bewahren. Halb so wild, sagt Uli, lass uns jetzt mal zur Aussichtsplattform an der Villa Bellini. Kurz noch Reis kaufen, hinter uns ist ein Lebensmittelgeschäft, dort stehen offene Säcke und eine sehr irritierte Verkäuferin wiegt uns Körner im Wert von 20 Cent ab. Ich weiß, es ist sehr seltsam, aber mehr brauchen wir eben nicht. 

Der Weg zum schönen parco ist nicht weit, es ist warm und laut und plötzlich möchte Uli nur noch eine schattige Bank und eine kalte Cola und eine Pause, um seinen Kreislauf wieder zu stabilisieren. Puh, der Schreck war wohl doch größer als zuerst gedacht. So beenden wir den Stadtgang lieber und treten direkt den Heimweg an. 


Wir räumen und packen; ich schreibe, Uli macht es sich auf dem divano bequem und schwenkt schnell in  einen kleinen sonnelino ein. 

Der frische Wind weht durch die Räume und bringt mit einem Mal ein Hupkonzert mit, das dramatisch klingt. Neugierig schaue ich hinunter: oh, in der Coppola hat wieder jemand so blöd geparkt, dass nur schmale Fahrzeuge durchpassen. Nun möchte aber ein Transporter die Straße passieren… Millimetergenau geht es im Schneckentempo vorwärts; zum Glück sind sofort mehrere Helfer herbeigeeilt und assistieren beim Durchfädeln. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber der dicke Transporter geht durch’s Nadelöhr und hinterlässt keine Spuren!

Eine halbe Stunde später ein ähnliches Schauspiel - nur, dass dieser Transporterfahrer sich die Passage nicht zutraut. Ein Ordnungshüter betritt die Szene, hilft dem Fahrer, sich rückwärts wieder auszufädeln, um dann von der anderen Seite rückwärts zirkelnd in die Straße zu gelangen. Wildes Gehupe, viele Schaulustige - nicht nur wir hängen rotznäsig gaffend auf dem Balkon…

das nenne ich mal kunstvoll eingeparkt!

Wir sammeln die letzten Esswaren aus dem Kühlschrank, um uns nachher ein paar Sandwichs für den Rückflug vorzubereiten (von Catania nach Amsterdam gibt es nichts, in Amsterdam haben wir erneut drei Stunden Transferzeit und die hohen Preise dort sind uns vom Hinflug noch sehr präsent). Aber zuerst geht es Arancini schlemmen; die letzte Woche war das wegen meiner Lippe ja gar nicht möglich, deswegen verdrücke ich heute davon gleich zwei und obendrein auch noch eine ganz frische Iris mit Vanillecreme (viel viel besser als die erste!!). Der Glöckner des Duomo spielt derweil ein beeindruckendes Abschiedskonzert für uns.

Pappsatt und müde beschreibt unsere Verfassung am ehesten, wir machen noch einen kurzen Abstecher zum ZOB und erwerben schon mal Tickets für den Ali-Bus, dann haben wir morgen damit keinen Hustle.
Im Palazzo sieht es sehr nach Aufbruch aus! Alles liegt parat, die Haufen werden kontinuierlich kleiner und ich hoffe, dass wir problemlos starten können morgen früh. Granite gibt es ja vielleicht auch in Fontanarossa?!?

Dienstag, 6. Mai 2025

dopo la pioggia viene il sereno * ventitreesimo gior

Keine eitrige Lippe mehr, hurra! Das ist das Erste, was ich unmittelbar nach dem Aufwachen spüre und so hüpfe ich frohgemut aus den Federn, um nach einer flinken Wäsche erstmal meinen Morgentee plus CDL-Wasser zu mir zu nehmen. Uli ist schon eine Weile länger wach, hat bereits abgewaschen und die Bedienungsanleitung für die Musikanlage des Palazzo fertiggestellt.
Ich lerne ein bisschen, während sich der Himmel zunehmend verfinstert. Es sieht nach Regen aus… besser eine Jacke mitnehmen, wenn wir gleich in den Morgen starten.

Schon auf dem Weg zu Comis müssen wir einen Schritt zulegen, denn die ersten dicken Tropfen beginnen zu fallen. Heute gibt es nur Mezzo-Granite, denn für’s spätere pranzo soll es das Grillhähnchen werden. Keine hörbaren Deutschen, dafür eine chinesische Reisegruppe - auch sehr lustig. Es werden Fotos ohne Ende geschossen, sogar vom Orangensaftglas. Zusätzlich flanieren wieder jede Menge Schaulustige über den Platz - trotz des immer wieder einsetzenden Regens. Deutsche glauben wir an der besonders unglücklichen Kleidungswahl zu erkennen: fiese Farben, Socken in Badelatschen, zu kurze Hosen, zu enge Oberteile, bissige Accessoires und so weiter und so fort!

Für den Marktgang holen wir zur Feier des vorletzten Tages mal etwas weiter aus und erleben sofort eine magische Begegnung: während wir einen 4-minütigen Schauer unter einem Vordach abwarten, schwebt strahlend-engelsgleich eine fröhliche Frau unter einem rot-weiß-gepunkteten Regenschirm zu uns, schwärmt kurz über das sonnenbeschenkte Catania (es regnet nur ganz kurz, keine Sorge!) und verschwindet zauberhaft lächelnd um die nächste Ecke. Meraviglioso!
In dieser Straße waren wir bisher noch gar nicht, obwohl sie keine 3 Minuten vom Palazzo entfernt ist. Es gibt einen winzigen Kräuterladen, der hochinteressant aussieht. Vielleicht später noch… oder nächstes Mal….

Nun wollen wir rauchen und zum mercato, aber vorher schnell zum Briefkasten: eine cartolina möchte noch auf die Reise gehen. Mal schauen, wie lange diese dann dauert.

Es sind heute einige Lücken sichtbar, denn diverse Händler haben wohl wegen des Regens lieber nicht aufgebaut. Absolut nachvollziehbar. Aber unsere Favoritenstände haben und es sind glücklicherweise noch genau zwei von den genialen Vakuumbeuteln vorhanden.
Der Händler ist ziemlich klein, aber möchte sich partout nicht von mir helfen lassen. Lieber stellt er sich auf Zehenspitzen, um die Teile wenigstens am unteren Rand der Verpackung greifen und sie dann vom Haken reißen zu können. Bittesehr, wenn er es so möchte…

Unser fruttivendolo genießt gerade seine bestimmt wohlverdiente Zigarettenpause, legt den Stengel aber subito zur Seite, als er uns erblickt. Ah, signore, signora, che bello, wie schön! Ja, finden wir auch. Wirklich!
Heute gibt es Melone (letzter Schontag für die Lippe, morgen dann einmal noch das gewohnte Gemisch) und Uli möchte Seltz. Während der junge Mann konzentriert arbeitet, wirbt er nebenbei für sein schönes Angebot, denn eine Gruppe von sechs eindeutigen Touristinnen (sie sprechen Englisch) beäugt kritisch aus sicherer Entfernung die Salatbecher. Er möchte gerne erklären, dass noch frischer Saft hineingepresst wird, aber ihm fehlen die englischen Begriffe. Seine hilfesuchenden Blicke in unsere Richtung nehmen wir wahr, selbstverständlich übersetzen wir gerne - und ich stimme obendrein natürlich noch ein Loblied auf diesen vollreifen, überaus köstlichen, weltbesten, absolut herrlichen Obstsalat an, sodass alle sechs dann sofort einen wollen, mit Orangensaft. Die stabile Spremutieranlage funktioniert gewohnt zuverlässig, der fruttivendolo arbeitet gewissenhaft, hört aber trotzdem unser ciao, a domani; kurz blickt er auf, lächelt herzlich und ruft uns noch Wünsche für einen schönen Tag hinterher.

Wir schlendern davon, etwa betrübt, denn die nahende Abreise schiebt sich immer deutlicher ins Blick- und Gedankenfeld.  

Langsam pilgern wir die Etnea hinab Richtung Duomo. Heute möchten wir mal Zerstreuung in Form einer Besichtigung: es gibt eine Lavagrotte mitten in der Stadt, in der ein Fluß zu bestaunen ist, der aus dem Ätna kommt. Die Fotos im Netz sehen vielversprechend aus und weit ist es auch nicht.
Aber zuerst wollen wir zeitig zum Hähnchen - nicht, dass sie wieder alle sind!
Auf dem Weg denken wir laut darüber nach, wie es eigentlich wäre, hier zu wohnen… scheinbar haben wir unabhängig voneinander den selben Gedanken gehabt - löwenlike eben.

Fürs und Widers werden erläutert, wir sind ganz bei der Sache, als wir in die Via Plebiscito einschwenken. Der Duft nach Hähnchen wallt uns bereits entgegen, es drehen sich mehrere davon im Grill vor dem kleinen Laden, gut gebräunt und über einem dicken Bett aus Rosmarin. Ein Halbes reicht für uns, wir wollen ja nur kosten. Der Herr am Grill arbeitet auch sehr routiniert, aber etwas vorsichtiger, schließlich knistert alles vor Hitze. Das Hähnchen wird vor unseren Augen zerteilt, es enthält eine Füllung aus Paprikagemüse, welches zum Glück auch mit in die Aluschale gelöffelt wird. Zusätzlich bestückt der Herr noch eine kleine Papiertüte mit Pommes, Zwiebelringen und Kroketten und für 5 € tragen wir eine recht schwere Tüte mit köstlich duftendem, heißem Essen davon. Gerade setzt der Regen wieder ein, also eilen wir Richtung Castello Ursino, denn dort gibt es Plätze unter einem großen Baum. Und tatsächlich: wir können ungestört durch Regen oder Straßenhändler fast das ganze überaus wohlschmeckende, perfekt durchgegarte Mahl verspeisen.

Kurz vor ultimo scharen sich plötzlich jede Menge Kinder um uns: sie lauschen einem Vortrag über diesen Platz. Oder über den Baum… Oder das Castello? Non lo so - ich weiß es nicht! Eine Weile wuseln sie um uns herum, dann strömen alle auf Zuruf ins nahe Lokal und es kehrt sofort Ruhe ein.

Dafür beginnt auch passend der Regen wieder, zur Abwechslung mal etwas stärker, sodass wir uns ein bisschen unterstellen müssen - und dabei entdeckt man manchmal die schönsten Dinge:


Nach drei Minuten ist auch dieser Guss vorbei; jetzt könnten wir mal zur Grotte. Ein bisschen irren wir herum, weil ich nur ungefähr weiß, wo sie sich befindet. Und auch, weil wir keine Lust darauf haben, irgendein Navi einzuschalten - aber schließlich muss es doch sein. Diese Labyrinth-Straßen haben es in sich… sogar google-maps kommt durcheinander und schickt uns wild hin und her. 

Zum Glück werden die dicken Stacheln vorsorglich entfernt!!


Wir sind die ganze Zeit in konzentrischen Kreisen um den Grotteneingang herumgelaufen und erkennen ihn beide wieder, als wir dann schließlich vor ihm stehen. Ach ja, hier waren wir doch schon! Die Sache hat nur einen Haken: der Eingang ist fest verschlossen und kein Mensch weit und breit.
Was dann?! Von einem Restaurant hatte ich gelesen, das einen Keller mit Grottenzugang hat - und richtig, es befindet sich direkt hinter uns, inklusive rustikalem Holzschild: Zur Grotte - nur leider ist auch dieser Zugang verschlossen und verriegelt. Hmmm, da will mal einmal ein bisschen Bildung, und dann das!

Also gut, suchen wir jetzt eben die allerletzten Mitbringsel zusammen, damit das auch erledigt ist und dann kaufen wir uns ein kühles Getränk und setzen uns irgendwo hin. Vielleicht auf die Marmorstufen des Duomo, dort saßen wir ja schonmal und Katzen gibt’s da auch. Alles ist nass, natürlich, aber gleichzeitig warm, sodass ein kurzes Drüberwischen reicht, damit wir uns niederlassen können. Ein Pelztier lagert elegant hinter dem Zaun - ein sicheres Plätzchen, das aber sehr eifrig verlassen wird, als die ersten Schmeckis fliegen. Direkt neben uns findet ein Mann seinen Platz: er wischt auch kurz, drapiert seine Jacke inklusive 20-Cent-Stück vor sich auf’s Pflaster, legt sich dann auf den Stufen zur Ruhe und kehrt dem Geschehen seinen Rücken zu.
Erneut überlegen wir, wie groß die Faktoren Armut und Arbeitslosigkeit hier wohl so sind…

Nun reicht es, seit vier Stunden sind wir unterwegs, wir wollen heim. Zuhause empfängt uns gnädig die kühle Wohnung und wir strecken erstmal alle Viere von uns - aber nur kurz, denn ich will unbedingt den nächsten Vakuumbeutel befüllen. Auch das klappt wie verrückt. Großartig! Wir starten die letzte lavatrice und sortieren nach und nach, was in welchem Koffer mitgeht. Dabei kommen mir plötzlich Zweifel: ob wohl die Seife reicht!?! Wenn wir zum Beispiel welche verschenken wollen… Nein, bevor der Geiz zuschlägt, hole ich lieber noch ein paar Stücke. Der freundliche Ladenbesitzer erkennt mich lachend wieder und freut sich über schnell verdiente 37 €.

Den größten Anteil blog-Beitrag schreibe ich in einem Rutsch, während vor den Fenstern erst Regen prasselt, dann ein Mini-Gewitter niedergeht und anschließend innerhalb weniger Minuten die Wolkendecke aufreißt und eine strahlende Sonne den blauen Himmel schmückt. Wie verrückt das hier ist!!

  16:00 Uhr:

16:20 Uhr: 
 
 

Ein paar Nachrichten wollen beantwortet werden, das tue ich auf einem der Balkone, während unter mir das Leben pulsiert. In der Via Coppola ist eigentlich immer was los. Ob es wohl daran liegt, dass direkt daneben der Rotlichtbezirk beginnt?

Das Abendessen ergibt sich logisch aus der vortags unfreiwillig erworbenen Menge: Butter-Kartoffeln mit Petersilie, Artischocken, Käsewürfel. Nebenbei sortieren wir schonmal den Müll, der ja an unterschiedlichen Tagen nach Thema abgeholt wird, morgen ist Papier dran.
Ein weiterer erfüllter Tag geht zu Ende. Das Sofa lädt freundlich ein und das Bettchen kann man im Hintergrund auch schon leise flüstern hören…
Bei duolingo habe ich heute nur ein paar Brocken Italienisch gelernt - aber in Echt jede Menge. Und tolle Erlebnisse gab’s wieder gratis dazu.

Montag, 5. Mai 2025

ancora più cose molte utile * ventiduesimo giorno

Aus einem wüsten Verfolgungsangst-Traum hochschreckend bringen mich zwei Dinge auf den Boden der angenehmen Tatsachen: der ruhige Atem meines Mannes an meiner Schulter und die Vorstellung des herrlichen Brioche-Granita-Geschmacks.
Beruhigt darf ich weiterschlafen bis kurz nach acht - die Nächte werden hier irgendwie immer kürzer! Aber Schlaf kann ich auch prima in Germania nachholen, hier möchte ich noch so viel wie möglich sizilianisch leben. Was für uns im Klartext heißt: Comis, mercato insbesondere fruttivendolo und dann mal gucken.

Auf der Terrazza freut sich der kleine Kaktus so sehr, dass er hübsche Blättchen treibt.

Bereits beim Frühstück warten kleine Zwocken auf uns: fast nur deutsche Gäste - und ein Paar, etwas älter als wir, direkt neben uns. Ich vermeide es zu sprechen, weil ich nicht erkannt werden möchte. Es ist erstaunlich, wie auch hier wieder Klischees bedient werden: kein Gruß, kein Bitte, kein Danke, kein Nicken, kein Lächeln - einfach rein gar nichts sind diese Herrschaften bereit zu geben. Auch im Miteinander beherrschen Maulereien den Dialog. Weghören leider unmöglich… gute Vorbereitung auf viel zu bald!
Hervorragend dafür das Winken des schwierigen Kellners und natürlich wie jedes Mal die unglaubliche Kombi von nussigem Halbgefrorenen, warmem Gebäck und feiner Espressowürze. Ein Hochgenuss, den ich bestimmt mehr als nur ein bisschen vermissen werde.

Auf dem Markt suchen wir noch ein paar Kleinigkeiten, die in der Wohnung helfen können: Behälter für Wäscheklammern plus ein paar mehr von Selbigen, Fusselbürste (Uli’s tolles schwarzes Hemd sieht schlimm aus), Glühbirnen (im vorderen Bad fielen kurz vor Felix’ Abreise beide Lampen aus) und eine Schraube (für die abschließende Feinarbeit im Studio: alle Kabel der Musikanlage sind bereits sauber verlegt, nur die Steckdose soll noch an die Wand). Am Schraubenstand entdecke ich einen praktisch aussehenden Vakuumbeutel für einen Euro und denke an unsere bald zu packenden Koffer. Gebongt, geht mit. 

Dann erblicke ich entzückende junge Kartoffeln (kg 0,75) und gleich nebenan Artischocken; daraus könnte man ein feines Abendessen zaubern. Der Händler gibt mir ein Tüte, wir suchen uns schöne kleine Exemplare aus, è tutto sage ich. Nein, denkt der Händler und wirf noch ein paar Handvoll dazu. Mir fehlen die Worte. Einen Euro will er haben, den bekommt er auch, aber wir brauchen doch gar nicht mehr so viele Kartoffeln! Artischocken gibt’s nur im Rudel, nämlich zu zehnt. Ebenfalls ein bisschen viel… Okay, dann essen wir ab jetzt abends nur noch zu Hause. Ein Sträußchen frische Petersilie muss zur Abrundung des Ganzen auch noch mit.
Inzwischen haben wir jeder mehrere Plastikbeutel am Arm hängen. An einem Fischstand sagt der Verkäufer zu Uli: pass auf, du zahlst und sie isst. Dabei zeigt er abfällig auf mich. Es ist nicht immer toll, die Sprache zu verstehen!

Ganz anders bei unserem fruttivendolo, der heute als erstes Uli mit Faust begrüßt und ihn einem Kumpel als seinen Freund vorstellt. Ich werde sehr zuvorkommend und höflich von ihm empfangen. Meinen Melonenbecher hatte ich bereits bei seinem ebenso netten Vater mitgenommen, hier sollen es zwei Seltz sein. Gerne, aber erstmal spült er gründlich seine Spremutieranlage und entfernt so alle Fruchtreste und Kerne. Ich grinse in mich hinein, Felix weiß warum.
Zwei randvolle Becher gehen jetzt auch noch mit; es wird Zeit für einen Sitzplatz. Und unbedingt im Schatten, da es sehr warm ist und auch wieder ziemlich drückend. Schließlich ist ja auch Regen angesagt und Gewitter. Bleibt nur abzuwarten, ob’s denn heute mal stimmen wird mit den vollmundigen Vorhersagen….

Das schattige Plätzchen ist schnell erreicht - was für eine Erholung, hier einfach zu sitzen und das großartige Getränk zu genießen. Es ist so friedlich und ruhig nach dem mercato-Trubel, der mir heute tatsächlich zwei Rempler beschert hat. Das bin ich gar nicht mehr gewohnt!


Das Baromenter stand da schon

Kurze Lagebesprechung: noch irgendwo hin? Auf jeden Fall nicht mit dem ganzen Zeugs am Arm. Also zum Palazzo. Dort fällt mir wieder ein, dass der gestrige Tag ja noch in Worte gefasst werden möchte und beschließe, mich gleich darum zu kümmern. Aber zuerst wird Uli’s Hemd weitestgehend entfusselt, der Rest muss sich bei den nächsten Wäschen verabschieden. Und dann muss ich den Vakuumbeutel ausprobieren: absolut genial! Davon kaufen wir morgen gleich noch ein paar, dann wird das Kofferpacken ein Kinderspiel. Einige Dinge können tatsächlich schon verstaut werden, vor allem der Brocken Seifen. Mit der Beutellösung entzerrt sich die Sorge, der Kofferplatz könnte knapp werden, dramatisch. Währendessen sorgt Uli dafür, dass es im Badezimmer wieder hell ist, super!

Vom angedrohten Regen keine Spur, auch das Gewitter lässt sich nicht vernehmen. Also spaziert Uli nochmal los, denn die Schraube vom mercato ist zu kurz. Er hat da bereits einen passenden Laden im Visier, den will er ansteuern. Auf dem Rückweg wird er auch noch beim decò vorbeigehen, Butter und Brot mitbringen. Prima, dann kann ich mich komplett ins Schreiben vertiefen. Das dauert einige Stunden und schwups: die Sonne sinkt bereits. 

Circa 40 Minuten brauchen die Artischocken, also setze ich sie schonmal auf und die Babykartoffeln gleich dazu. Das Ganze köchelt eine Weile gemütlich und duftend vor sich hin, ebenso gemütlich verspeisen wir das köstliche Gemüse dann auch und freuen uns nun auf einen ganz ganz ruhigen divano-Restabend.

(Ach ja, und meine Lippe muckt immer noch!)