Monatelang hatten wir diesen Tag heftig herbei gesehnt und heute ist es nun endlich soweit: mittags um kurz vor halb zwölf winkt Mama uns fröhlich hinterher, als wir den Zug besteigen, der uns Richtung Hamburg bringen soll.
Natürlich gilt es, ein paar kleine Hindernisse zu überwinden, was unsere Aufregung nicht gerade schmälert... Schließlich landen wir dann doch passend am Flughafen und dürfen uns der sperrigen Koffer entledigen. Das Einchecken am voll automatischen Terminal ist zwar neu für uns, erweist sich aber als schnell und unkompliziert und so können wir uns endlich etwas entspannen und einen ersten Snack aus der gut gefüllten Picknicktasche genießen.
Das Boarden für die erste Etappe Hamburg - Amsterdam geht ebenfalls reibungslos und zügig vonstatten, der vollbesetzte Flieger hebt pünktlich ab und lässt die sonnige Hansestadt flott hinter sich. Nach nur 45 Minuten erreichen wir bereits Amsterdam (ohne erwähnenswerte Ohrenbeschwerden!), wo wir uns direkt auf die Suche nach einer Möglichkeit zum Rauchen machen - allerdings erfolglos, denn Schiphol ist seit 2020 komplett rauchfrei - "clean", wie sie es nennen. Nun ja, die Beliebtheit dieser Maßnahme hält sich zumindest bei Uli arg in Grenzen....
Also keine Kippe, dafür einen Cappuccino und eine Cola für stolze 9 €, zahlbar ausschließlich ohne Bargeld! Ein zweiter, etwas ausgiebigerer Snack aus der Tasche stillt wenigstens einen Teil der Gelüste; obendrein sitzt man recht gemütlich zwischen Pflanzen und lauter anderen Wartenden, die fast ausschließlich mit ihren schlauen Geräten beschäftigt sind. Manche haben derart ungeniert die Lautstärke hoch reguliert, dass uns eine nervtötende Kakophonie die Trommelfelle reichlich malträtiert. So verbringen wir die drei Stunden Transfer dennoch in einigermaßener Entspannung.
Gut gesättigt und reichlich ermattet schleppen wir uns zum Gate 78 D, wo uns bereits fröhliches Geplauder auf Italienisch entgegen quillt. Ebenso quillt uns der quälende Parfüm-Geruch entgegen, der uns schon sowohl im Zug als auch auf dem ersten Flug irritiert hatte! Vielleicht irgendein aus der Werbung bekannter Trend-Duft, der von den Trägern und Trägerinnen übereifrig aufgesprüht wurde und jetzt in derartig dicken, atemlähmenden Wolken herumwabert, dass einem die Augen tränen wollen. Uli's Sorge, es könne im Flugzeug genauso riechen, erfüllt sich auch leider prompt. Alptraumpotential für einen Menschen mit Duftstoffallergie. Und gar nicht leicht, so eine Belastung auszublenden. Einfach Wegriechen geht eben nicht! Aber was soll's?! Da muss ich nun durch. Eine latente Atemreizung soll mich einige Stunden lang begleiten.... Meine Fingernägel leiden sowieso schon den ganzen Tag, aber noch heftiger in dieser Situation. Allerdings erweise ich mir damit einen Bärendienst: schmerzende Fingerkuppen UND übler Gestank. Klug ist etwas anderes.
Eingepfercht in den zweiten vollbesetzten Flieger gleiten wir mühelos davon und in einem friedlichen Abendhimmel geht es nun stracks gen Süden.
Oh, welch' Vorfreude! Die Erinnerung an Catania im Herzen tragend erdulden wir Transavia-Airlines mit ihrem besonders engen Sitzabstand und ohne jegliche kostenlose Verpflegung. KLM hatte wenigstens Wasser, Kaffee und Käsecracker springen lassen. Aber auch das ist uns egal, Picknicktasche sei Dank. Es geht doch nichts über ein paar schöne Frikadellen, hartgekochte Eier und belegte Brötchen. Außerdem hatte Felix uns mit dem Hinweis angefüttert, man könne ja in Fontanarossa sofort den ersten Arancinu abgreifen. Diese verlockende Aussicht lässt uns den knapp dreistündigen Flug klaglos durchhalten (fast: Uli hat nicht nur zunehmend Kopfweh, sondern auch Schmerzen in den Knien von der Holzklasse-Büßerhaltung).
Aber fröhliche Zuversicht (bald sind wir DA) ist ein mildernder Wegbegleiter, der die ungemütlichsten Zwocken etwas erträglicher macht. Mit der schnell sinkenden Sonne wird der Himmel in ein fast unwirkliches Blau getaucht. Malerisch, magisch! Wir genießen dazu Musik über unsere Kopfhörer und beamen uns so für ein erholsames Weilchen aus der Enge und dem geschäftigen Gebrubbel heraus. Ein satter, fast voller Mond geleitet uns an den äußersten Rand Europas, über uns wachend und sanftes Licht in der endlosen Finsternis über den Wolken verbreitend.
Und schon ist es geschafft: nach einem (wiederum zumindest für meine Ohren) sanften Sinkflug erblicken wir wie funkelnde Edelsteine im nächtlichen Schwarz die weitläufige città nera, das prächtige Catania. Elegant setzt unser Flieger in Fontanarossa auf und wir dürfen der drangvollen, übelriechenden Enge entfliehen. Das Warten am Gepäckband erfordert noch einmal etwas Haltung, da auch hier einige übermäßig "duftende" Menschen ein wenig zu dicht um uns herum stehen...ächz!! Aber dann ist auch das vorbei, wir nehmen erleichtert unsere unversehrten Koffer in Empfang und streben fix dem rettenden Ausgang zu. Keine Kontrollen, gar nichts. Perfetto!
Herrlich, die milde Abendluft zu inhalieren. Apopos inhalieren: Uli harrt nach wie vor tapfer aus, obendrein musste sein Feuerzeug schon in Hamburg am Gate zurückbleiben! Aber da steht direkt der ALI-Bus bereit, der uns nicht nur für günstige 8 € ins Zentrum bringen wird, sondern obendrein mit einem freundlichen Fahrer ausgestattet ist, der geduldig all die eiligen Touristen daran erinnert, dass sie auch in bella Italia ein biglietto benötigen. Als kurz nach der Abfahrt ein PKW mitten im Weg parkt, hupt er nur zweimal kurz und wartet dann in aller Seelenruhe ab, bis die Dame sich dann auch bald zum Umparken entscheidet. Die Blockwartin in mir ist natürlich am meckern (was pennt die da denn so rum!?! und warum regt der sich eigentlich gar nicht auf?!?) --- hoffentlich werde ich ganz ganz zügig von dieser überflüssigen deutschen Engstirnigkeit geheilt und direkt von der catanischen Gelassenheit angesteckt! Und wenn ich noch eine Bitte äußern darf: am liebsten für immer und unheilbar!!
Sind's die aufgeriebenen Nerven oder die doch spürbar vorhandene Müdigkeit (es ist inzwischen weit nach 23 Uhr): auf dem Weg vom Busbahnof zum Palazzo di Felice gerate ich mit Uli aneinander. Wir rollen ratternd die drei Koffer durch die fast menschenleeren (und unerwartet kühlen) Straßen und ich fange an, ihm mit Fragen zuzusetzen, die zumindest zu diesem Zeitpunkt stressiger nicht sein könnten... das Ganze dauert leider auch in Felix' wunderschöner Wohnung an (noch ein bisschen weiter angefeuert durch den Moment, wo wir eine etwas zu lange Weile die Wohnungstür nicht auf bekamen, mit diesen lustigen Schlüsseln, die scheppernde, deutlich hörbare Geräusche im nachtschlafenden Treppenhaus verursachten. Ich rechnete jeden Moment mit bewaffneten Nachbarn oder wahlweise direkt la polizia...)
Wir sortieren uns in den vertrauten Räumen fast mechanisch ein, bestücken den praktischen neuen Schrank in unserer hübschen kleinen Suite mit unserer Catania-Kledage und finden immer noch kein Ende mit dem Reden, das jetzt einfach nur noch Viel Zu Viel ist.
Als mein müder Körper in das frisch bezogene Bett sinkt, sticht mir ein Geruch in die Nase, der sehr an die erlittenen olfaktorischen Reisequalen erinnert - vermutlich Weichspüler oder Wäscheparfüm - und da möchte ich nur noch haltlos weinen. Meine angebissenen Fingerkuppen pochen wild; eine Versorgung mit Salbe und Pflaster hatte ich leider nicht hingekriegt. Als dann auch noch zwei Stellen an meinem Arm plötzlich zu jucken beginnen und sich Quaddeln bilden, weiß ich, dass ein Blutsauger im Zimmer ist, der es gnadenlos auf mich abgesehen hat! Den drohenden Nervencrash verhindere ich durch eine gute und altbekannte Ablenkung: lesen. Herr Irving hat mich dann einfach mit nach Amsterdam genommen, wo seine Protagonistin Ruth durch's Rotlichtviertel streift, um eine Prostituierte zu finden, der sie bei der Arbeit zusehen darf, als Recherche für ihre Romanidee. Klasse, funktioniert!
So endet unser erster Reiseabend lange nach 2 Uhr und wir sind sehr sehr erschöpft. Zum Glück entgleite ich selig in eine erinnerungslose Nacht, gut geschützt durch meine tollen Ohrstöpsel und im festen Glauben, dass morgen früh die Welt bestimmt schon wieder völlig anders aussieht.




Wie schön, wieder Deinen Texten folgen zu können. Dein Schreibstil fesselt und fasziniert mich immer wieder aufs Neue. Danke schön.
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