God’s country
Meine Vorstellungen von Amerika stammten immer von Fernsehbildern und aus Reisebeschreibungen von Karl May. Eher unscharf und mit einer unbestimmten Verklärtheit durchsetzt. So kämpften in meiner Kindheit hier immer wieder Gut und Böse im tagtäglichen Miteinander an jeder Straßenecke. Erst waren es Cowboys und Indianer und später dann Sheriffs und Banditen. Dann, viel später, bekamen die USA ein anderes Bild. Ich hörte von den Indianer, den Sklaven und den kleinen und großen Kriegen.
Mein Bild verdunkelte sich zusehens. Im weiteren Verlauf kamen Reiseberichte hinzu, und ich hörte zum ersten Mal den Begriff - God’s Country. Auch hier hatte ich ein sehr eingefärbtes Bild von Wanderpredigern, die Kreuzrittern gleich mit mehr oder weniger Gewalt den Einwohnern den einen, eigenen, Glauben aufzwängen. Alles in allem also keine schönen Bilder.
Bis mein Schatz mir von seinen Eindrücken berichtete. Ich lauschte ihren Beschreibungen, und in mir begann ein anderes, neues - ja sogar leuchtendes Bild zu entstehen.
Diese ersten Berichte sind inzwischen auch schon ein paar Jahre alt, und doch wurde der Wunsch in mir immer konkreter, dieses Land zu sehen, zu atmen und zu erfahren, welches meine Liebste so sehr beeindruckt hatte.
Heute im Jahr 2014 sind wir gemeinsam hier. Vera kann mir ihr Amerika zeigen, und ich kann mir für drei Wochen einen eigenen Eindruck verschaffen. Es ist ein Urlaubseindruck, das ist mir schon klar. Und doch kann ich schon jetzt sagen - ich bin zutiefst ergriffen und begeistert.
Wir haben Wüsten durchquert, und ich habe vor meinem inneren Auge die alten Cowboy- und Indianer-Filme nach inszeniert. Der weiße Mann und seinen Kampf mit den angeblichen Wilden. Die Wanderprediger und ihr Ansinnen erschienen auf der Leinwand meines Kopfkinos ebenso wie die Freibeuter und Einzelkämpfer.
Bis kurz vor dem Zeitpunkt, als wir das Death Valley verließen, hielten diese Gedanken an.
Dann auf einmal änderte sich das Bild, und ich konnte mich in die Lage des einfachen Mannes versetzen.
Dieser Mann, der alles hinter sich gelassen hatte, der in seiner Not nur noch einen Weg gesehen hatte. Und jetzt hatte er sich und seine Familie mit seinen letzten Ersparnissen bis hier ins Death Valley gebracht. Hitze und Sand umgaben ihn, und nur sein Glaube an eine bessere Zukunft verhalf ihm, durch zu halten und gab seinen Angehörigen Mut.
Wenn dieser einfache Mann so wie wir in den letzten Tagen den Weg Richtung Westen fortgesetzt hat, dann lagen noch einige Meilen vor ihm. Durch hohe Gebirge und vorbei an etlichen Steilhängen, bis das Land sich in leichten Hügeln der Küste näherte.
God’s Country - so müssen sie es empfunden haben. Nach all den Strapazen, der langen Reise und den Entbehrungen. Völlig unpathetisch und ohne Bibelhalleluja, sondern einfach so, wie es vor einem liegt - God’s Country. So kam es wohl zu Ortsnamen wie Harmony oder ähnlich wohlklingenden Bezeichnungen.
Nun war für mich der Bann gebrochen, und ich kann Amerika ganz unbeeindruckt genießen. Begeisterung macht sich breit für ein Land, welches ich mir in dieser Form nicht vorzustellen vermochte. Spektakuläre Aussichten und Eindrücke hinter jeder Straßenbiegung, Wolkenformationen von unvorstellbarer Schönheit, Landschaften, bei denen ich vor Entzücken aufschreien möchte. All das treibt mir immer wieder die Tränen die Augen und manchmal auch der feine Sand des Pazifikstrandes.
So finde ich mich auf der Terrasse des Whalewatcher Café wieder und sinniere in den strahlend blauen Himmel. Hier bin ich jetzt in Amerika und habe ein weiteres Mal die Unken in meinem Leben lügen gestraft. Ich bin hier, wie angekündigt!
Und meine Gedanken gehen weiter - jeder trägt es in sich, sein God’s Country. Wir haben uns immer alle selber im Gepäck. So müssen wir nicht einmal in die Ferne ziehen und dort Abenteuer bestehen; einzig das God’s Country in uns selbst zu finden ist der Weg. Und wenn uns dieser Weg nach Amerika führt, dann ist das völlig in Ordnung - wir müssen ihn nur gehen.
God’s Country zu erkennen ist das Ziel, und nicht, es sich von anderen beschreiben zu lassen.
Mich überkommt ein wenig das Gefühl von Andacht. Andacht vor der gewaltigen Schönheit, die ich erblicken darf, und Andacht vor dem Erkennen der Ergriffenheit meiner liebsten Vera.
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