Der Tag beginnt früh, ich hüpfe fröhlich aus dem Bett, aufgeregt und ein bisschen nervös. Schnell duschen und in die Kompressions-Strümpfe schlüpfen, was zum Glück fast wie von selbst klappt. Gut, dass ich in den letzten Tagen fleißig geübt hatte.
Regen plätschert kräftig an die Fenster und wirft die dringende Frage auf, wie wir einigermaßen trockenen Fußes zum Bahnhof kommen sollen... Eine SMS an meine Mama bringt Entspannung: natürlich fährt sie uns und unsere 4 Gepäckstücke kurz zur Bahn.
Tickets sind schnell erworben, inzwischen scheint die Sonne strahlend vom nun tiefblauen Himmel, und der Zug fährt pünktlich ab. In Lübeck wartet bereits der Anschlusszug nach Hamburg, wir müssen nicht mal Treppen steigen. Im Zug entspanne ich mich langsam, denn wir sind gut in der Zeit und werden problemlos den Flughafen erreichen.
In Hamburg angekommen suchen wir als erstes eine Apotheke, Heilpraktiker Fritz riet zur Einnahme von Aspirin, welches prompt alle war und nun ersetzt werden muss. Außerdem benötigen wir Proviant: Iceland Air bietet nur kostenpflichtiges Catering. Also erstehen wir verschiedene belegte Brötchen, denn der Flug wird lang.
Ein Cappuccino von McDo muss auch noch sein, und so sind wir reichlich bepackt, als wir die S1 entern. Die Fahrt zum Flughafen dauert runde 30 Minuten, in denen wir Brötchen und Kaffee genießen. Erquickt verlassen wir die S-Bahn und betreten den Airport Hamburg. Gewusel umgibt uns, aber das kann uns nicht schrecken. Der Schalter von Iceland Air ist schnell gefunden. Dort knäult sich bereits eine dichte Menschenmenge, aber von B, P und L noch keine Spur. Uli stellt sich prophylaktisch in die lange Schlange, muss seinen Platz aber räumen, weil er dran ist, bevor unsere lieben Freunde auftauchen.
Endlich kommen sie! Fröhliche Begrüßung: das Abenteuer beginnt. L ist aufgeregt, ich auch. Mit kleinen Hindernissen checken wir ein und sind die schweren Koffer los. Dann geht's durch die Security. Uli's Schuhe müssen extra durch den Scanner, da sie metallene Teile haben, die den Wachmann irritieren. In diesem Zusammenhang erklärt Uli den Vorzug seiner Zimt-Sohlen, von L eifrig aufgenommen.
Von Gate C startet unser Flieger, Boarding beginnt kurz nach unserer Ankunft an selbigem. Mein Wunsch ging in Erfüllung: ich sitze am Gang und habe so ausreichend Platz für meine immer noch geschwollenen Beine. Pünktlich hebt das Flugzeug ab, wie immer steigen mir die Tränen in die Augen... Ist es Vorfreude oder Angst - ich weiß es nicht genau. B's Mama hat für uns Pite und Pfannkuchen bereitet, so lieb von ihr! Kaum sind wir in der Luft, fangen wir an zu schlemmen. L ist guter Dinge und gibt seine liebsten Beatles-Songs zum Besten.
Daraus wird leider nichts, denn wir dürfen den Flughafen nicht verlassen. Also suchen wir uns ein Plätzchen, wo wir Kaffee trinken können, und Uli möchte rauchen. Letzteres klappt auf Anhieb, aber Kaffee entpuppt sich als echte Herausforderung. Wir müssten eine Maschine bedienen, welche keinerlei Beschriftung aufweist. Ratlos stehen B und ich davor. Kein Kaffee ist keine Alternative, und nach einigem Hin und Her gelingt es B, dem störrischen Gerät vier Becher heiße, braune Flüssigkeit abzutrutzen - geschmacklich leider katastrophal! Gut, dass B dafür lieber gar nicht erst bezahlt hat.
L und ich finden wunderschöne Postkarten mit Geysieren, Island-Ponies und Nordlichtern. Davon müssen wir natürlich welche mitnehmen, z.B. für Mareike.
Die Toiletten sind mit Abstand die angenehmsten, die ich jemals besuchte: geräumige helle Kabinen mit eigenem Waschbecken, alles sehr sauber und gepflegt.
Kurze Zeit später wird auch ein Tisch frei, und wir nehmen die Gelegenheit wahr, von den mitgebrachten Snacks zu naschen. Überall finden sich Steckdosen, was mich besonders freut, denn mein Tablet hat kaum mehr Akku-Leistung.
Dann ist es an der Zeit, zum Gate zu gehen. Das Check In verläuft reibungslos. Mein Glück bleibt mir hold: wieder ein Platz am Gang, hurra!
Ein letzter Blick auf das beeindruckende Island, und schon sind wir wieder über den Wolken.
Dieses Flugzeug verfügt über eine moderne Ausstattung: jeder Platz hat seinen eigenen Bildschirm, eine imposante Auswahl an Filmen und Musik - aber das wichtigste ist der USB-Anschluss, denn dadurch bekommt mein Tablet weiter Strom, und ich kann schreiben.
Fünf Stunden soll dieser Abschnitt der Reise dauern. Mein Liebster schläft prompt ein, seine letzte Nacht war entschieden zu kurz.
Beim Scrollen durch die Filme entdecke ich "Findet Nemo" und habe sofort Lust, ihn zu gucken. Dory inspiriert mich so sehr mit ihrer bezaubernden Art und dem genial-motivierenden "just keep swimming". L ist neugierig und möchte mit gucken, aber erstens ist der Film auf Englisch und zweitens mögen seine Eltern nicht, wenn er unkontrolliert Filme konsumiert. Immer wieder unterbricht er mich, um Fragen zu stellen oder zu erzählen.
Unter uns liegt Grönland, man kann die karge Landschaft erahnen. Plötzlich eine Durchsage : medizinischer Notfall, ob ein Arzt an Bord sei? P wartet still ab, ob sich jemand meldet - falls nicht, muss er helfen. Zum Glück finden sich mehrere andere Helfer.
B und ich holen uns heißes Wasser, um einen aromatischen Lady Grey-Tee zu genießen. Dazu gibt es Fruchtriegel, natürlich alles selbst mitgebracht. Iceland Air ist wenig spendabel, hat aber sehr aparte Stewardessen, blond, zierlich und hübsch.
Endlich ist es soweit: der Landeanflug über Boston beginnt - und zeitgleich leider auch heftige Ohrenschmerzen! Schreien möchte ich, so doll reißt es in meinem Kopf. Die Landung geht komplett an mir vorbei. Ich kann nur wimmern und meine Ohren massieren.
Sicher rollt das Flugzeug ans Gate, wir sammeln unsere sieben Sachen zusammen und stolpern erschöpft Richtung Security. Dort stehen sehr viele Menschen an. Au weia, das kann ja dauern... :(
Gute anderthalb Stunden braucht es, bis man uns ins Land lässt. Fingerabdrücke nimmt man uns ab, und Fahndungsfotos werden angefertigt, man schaut uns tief in die Augen und befragt uns ob unserer Pläne. Anstrengend! Und meine Ohren sind nach wie vor taub.
Wir finden all unsere Gepäckstücke auf dem wild rotierenden Band, während eine Wache nebst Hund eifrig nach dem Rechten sieht. Welcome to the land of the brave and the free.
Draußen senkt sich blutrot die Sonne, schwüle Luft lässt uns nach Atem ringen. Es dauert eine Weile, bis wir das Shuttle entdecken, das uns zur Autovermietung bringen soll. Im Bus bläst uns eisige Luft um die schwitzigen Köpfe - angenehm oder doch eher gefährlich?
L wird deutlich müde, was in Anbetracht der Uhrzeit wirklich kein Wunder ist: halb drei morgens ist es inzwischen nach deutscher Zeit. B und P bemühen sich um ein Fahrzeug, welches fünf Personen plus diverse Koffer fasst. Dieses Unterfangen stellt sich als gar nicht so leicht heraus, denn B's Führerschein weist noch ihren Namen vor Eheschließung aus und stimmt somit nicht mit ihrem Reisepass überein. Zum Glück sind wir nicht im bürokratischen Deutschland, sondern im Service-Paradies USA. Wir erhalten ein SUV, groß genug für unsere Bedürfnisse, aber leider viel teurer als erwartet.
Inzwischen liegen alle Nerven blank. Obendrein beginnt es auch noch zu regnen. Trotzdem führt B uns sicher aus Boston heraus, unterstützt von Uli's Navi. Eine gute Stunde Fahrt liegt nun vor uns. P bewirtet uns mit Pfannkuchen, lecker und sättigend. L will noch so einiges wissen, z.B. über Klaus Stoertebecker und Robin Hood, aber schließlich sinkt sein Kopf schwer an meine Schulter, und er schlummert sanft ein.
Pawtucket taucht endlich auf, und P übernimmt die Führung. Schnell ist das Haus von Susan gefunden, welches uns die kommenden drei Wochen beherbergen wird. P bringt den fest schlafenden L in sein Zimmer, wir leeren wie in Trance das Auto, Susan begrüßt uns herzlich und überlässt uns das Terrain.
Hübsch ist das alte Häuschen, und es strömt einen Duft aus, der mich mich irgendwie geborgen fühlen lässt...
In unserem Schlafzimmer wartet überaus einladend ein frisch bezogenes Bett, in das ich mich hinein fallen lasse - und sofort zurück schrecke, weil es sich um eine dicke Luftmatratze handelt, die wie ein wild gewordener Pudding wackelt. Uli lässt sich neben mich fallen, das Bett schaukelt wie verrückt - wir müssen spontan hysterisch lachen und gruseln uns ein wenig vor einer sehr bewegten Nacht...
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